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Barbara Weiß ist Leiterin Marketing und
z.Zt. Pressesprecherin des Verlages O'Reilly
Deutschland in Köln.
Frau Weiß, das Verlagshaus O'Reilly
Deutschland mit Sitz in Köln ist sicher im Bereich Linux
und Unix ein Name, den Computernutzer kennen. Können Sie
etwas zur allgemeinen Firmengeschichte von O'Reilly speziell
in Deutschland sagen?
In Köln sind wir seit 1996, mitten im Agnesviertel
in einem hellen Büro, einer ehemaligen Lagerhalle. Begonnen
haben wir in Deutschland im Jahr 1993. Anfangs ging es
nur um den Vertrieb der englischen Bücher, schnell entstand
aus dem Erfolg aber auch die Nachfrage nach deutschen
Übersetzungen. Die erste erschien im Oktober 1994: "TCP/IP
Network Administration". Seitdem haben wir jährlich rund
zwei bis zweieinhalb Dutzend Titel veröffentlicht, darunter
auch jedes Jahr einige deutsche Originaltitel.
Heute hat der O'Reilly Verlag 22 Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen (übrigens deutlich mehr Frauen als
Männer) und bringt rund 35 deutsche Titel heraus. Darüber
hinaus vertreiben wir die rund 100 englischsprachigen
Neuerscheinungen und natürlich die gesamte deutsch-und
englischsprachige Backlist von O'Reilly. Im Jahre 2000
haben wir die Umsatzschallgrenze von DM 10 Millionen durchbrochen.
Wenn Sie zurückblicken auf die Entwicklung
der letzten Jahre: was hat sie in Ihrer Arbeit, bei verschiedenen
Buchprojekten z.B. besonders beeindruckt oder auch gereizt
an den Themen, wie sie bei O'Reilly verlegt werden?
An der Arbeit bei O'Reilly beeindruckt einen
jede Menge: die interessanten Menschen, mit denen man
täglich zu tun hat, die große Professionalität, mit der
hier und in den USA gearbeitet wird, der hohe Anspruch,
der alle Beteiligten, ob Autor, Drucker oder Mitarbeiter,
zu besten Leistungen motiviert, und natürlich der große
Spaß, den wir alle an der Arbeit haben.
An den Themen selbst reizt die enorme Dynamik,
die dahintersteht, das gesellschaftliche Phänomen oder
die politischen Auswirkungen. Ich denke da zum Beispiel
an die Open-Source-Bewegung, für die O'Reilly großer Fürsprecher
und Werbetrommler war. Die Energie, die dort mobilisiert
worden ist, um Software-Entwicklungen von größter Komplexität
zu schaffen, das ist doch ein großartige Sache gewesen.
In solchen Zeiten nicht nur Bücher zu Open-Source-Themen
zu machen, sondern gleichzeitig Teil dieser Bewegung zu
sein, ist phantastisch.
Ein anderes Beipiel ist das Engagement von
Tim O'Reilly um Software-Patente. Er hat sich engagiert
in einer Sache, die von den meisten einfach hingenommen
wurde, und flugs hatte er Mitstreiter organisiert in dem
Streit um das Patentrecht. Tim O'Reilly wurde vor den
US-amerikanischen Senat als Gutachter berufen und hat
Bemühungen um eine Änderung des Patentrechts tatkräftig
vorantreiben können. Wenn das keine spannende Arbeitsatmosphäre
ist ...
Wie ist ihre mehr persönliche Einschätzung:
gibt es bei der gegenwärtigen Lage der Computerindustrie
und der IT-Branche genug Herausforderungen, z.B. neue
Entwicklungen? Sind technisch induzierte Entwicklungen
aus der Sicht eines Verlages, der Autoren erst suchen
und 'aufbauen' muss, eher mit langsamer Evolution zu vergleichen
oder doch eher mit abrupten 'Revolutionen'?
Neue Entwicklungen gibt es erfahrungsgemäß
auch unabhängig von der jeweiligen wirtschaftlichen Situation,
denn irgendwo sitzt immer jemand mit einer gewissen Neugierde,
der einfach die Funktionalität eines Werkzeugs für sich
ausbauen oder auf andere Art und Weise nutzbar machen
möchte. Diese Leute sind innovativ und ihrer Zeit und
damit der Industrie meist voraus. Unser Firmengründer
Tim O'Reilly bezeichnet diese Gruppe von Experten, die
aus Pioniergeist Entwicklungen vorantreiben, um damit
ein Problem zu lösen oder Abläufe zu vereinfachen, als
"alpha geeks". Als Verlag versuchen wir von diesen Leuten
zu lernen oder ihnen zu helfen, ihre Entdeckungen zu verbreiten
und anderen zugänglich zu machen. Da bedarf es dann verlegerischen
Gespürs, diese Neuerungen zu identifizieren und schnell
darauf zu reagieren. Und auch wenn wir nicht immer die
ersten im Markt mit einem Buch sein können, da unsere
Qualitätsansprüche stets im Vordergrund stehen, so empfinden
wir diese Entwicklungen doch eher als abrupte "Revolution"
als langsame Evolution.
Können sie etwas sagen zu den Aktivitäten
von O'Reilly Deutschland speziell im Bereich des Sponsoring?
Trägt sich die Unterstützung von User groups,
die Teilnahme an Kongressen soweit, daß Linux mehr in
das Bewusstsein von immer mehr Computeranwendern rückt?
In Deutschland sponsorn wir eine Reihe von
Veranstaltungen - maßgeblich sind hier der LinuxTag in
Karlsruhe oder Entwicklerzusammentreffen wie der Linux
Kongress, der dieses Jahr direkt vor unserer Haustür in
Köln stattfindet. Wir unterstützen, wenn auch in kleinerem
Rahmen, die Teams von PHP, Gimp u.a. Ganz generell stehen
bei unseren Sponsoringaktivitäten Open Source-Technologien
im Vordergrund, da sich in diesem Bereich auch unsere
Wurzeln befinden und es nach wie vor ein großes Anliegen
von uns ist, Wissen darüber zu verbreiten.
Linux hat sicher längst einen festen Platz
in der Wahrnehmung derjenigen, die sich intensiv mit dem
Thema Computer beschäftigen, und das nicht nur aus beruflichem
Interesse. Die starke Verbreitung zeigt sich u.a. an der
inzwischen sehr beeindruckende Anzahl an Linux User Groups
im deutschsprachigen Raum (eine Unterstützung durch uns
ist deshalb leider nur noch sehr punktuell möglich; gezielter
geschieht dies durch das User Group Programm, das von
unseren amerikanischen Kollegen gepflegt wird und eine
Betreuung und Versorgung mit Informationen sicherstellt).
Durch die Diskussion über den Einsatz von Linux in Behörden
wird das Thema nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich
gemacht und bleibt nicht länger nur Computerfreunden vorbehalten.
Wie gestaltet sich für einen (internationalen)
Verlag das Alltagsgeschäft? O'Reilly hat vor einigen
Jahren in den USA Pakete mit eigener Software (eigene
Webserverlösung) und der zugehörigen Dokumentation angeboten,
die Software jedoch später als open source veröffentlicht.
Spielen die Arbeitsschwerpunkte Entwickeln eigener Softwarelösungen
und Forschung eine besondere Rolle? (Ich denke dabei etwa
an die Zusammenarbeit von Larry Wall in Bezug auf die
Entwicklung von Perl und O'Reilly in USA)
Der Motor im Arbeitsalltag bei O'Reilly ist
die Bewegung und Veränderung. Die jedoch nicht möglich
wäre ohne solide Fleißarbeit und das Erfüllen der zu Recht
an uns gestellten Erwartungen. Aber darüber hinaus ist
Forschung, Entwicklung, Ausprobieren ein Teil der Arbeit
von O'Reilly. So entstehen neue Ideen, Geschäftsbereiche,
Kontakte in interessanter Richtung, Produkte.
In punkto Software haben wir allerdings noch
nie etwas von Grund auf selbst entwickelt. Wir haben jedoch
die Optimierung und Weiterentwicklung fertiger Software
finanziert, erstklassige Dokumentation dazu geschrieben
und die Produkte vertrieben, wie z.B. die Produktlinie
rund ums Web mit den Flaggschiffen "WebSite" und "WebBoard".
Also unterm Strich sind wir nie "echter" Softwarehersteller
gewesen. Wir sind am besten in unserem Kerngeschäft -
der Informationsvermittlung - und in der Unterstützung
und Professionalisierung schon existierender Bemühungen.
Ein anderes Beispiel ist der Entwickler von
Perl, Larry Wall, der jahrelang Mitarbeiter von O'Reilly
war und uns immer noch sehr nahe steht. Seine Programmiersprache
wird immer ihm "gehören", O'Reilly hat keinerlei Rechte
daran. Aber durch das Schaffen eines materiellen Sicherheitsgurtes
und einer produktiven Atmosphäre hat O'Reilly sich um
die Weiterentwicklung von Perl doch sehr verdient gemacht.
Welche Rolle spielt die Diskussion um
die Software Patente in der EU für jemanden, der Linux
einsetzen möchte? Ist für einen Verlag die Diskussion
um Linux auf Servern im Deutschen Bundestag, Banken oder
bei der Lufthansa ein Thema?
Die Diskussion um Software Patente bringt
den Einsatz von Linux auf eine höhere Ebene, denn es geht
nicht mehr einfach nur um die Entwicklung von Programmen
oder eines Betriebssystems, es geht um freiheitliche Werte
und ganz konkrete Arbeitsweisen in einer Industrie (Eric
S. Raymond hat die unterschiedlichen Vorgehensweisen in
"The Cathedral and the Bazaar" diskutiert) und ist damit
auch interessant für alle, die sich mit Urheberrechten,
geistigem Eigentum und den gesellschaftspolitischen Auswirkungen
dieser Themen auseinandersetzen. Hier hat jeder die Möglichkeit,
Stellung zu beziehen. Wie oben bereits erwähnt, unterstützen
wir die Bewegung gegen Software Patente und haben mit
Tim O'Reilly einen ganz aktiven Mitstreiter in der Szene.
Das Thema Linux im Bundestag ist in vielerlei
Hinsicht interessant für uns: es ist einmal eine Bestätigung
der verlegerischen Entscheidung, eine innovative Technologie,
die schon vor Jahren wertvoll und zukunftsträchtig erschien,
publizistisch zu begleiten. Außerdem bedeutet der Einsatz
auf breiter Basis eine Erhöhung des Bedarfs an technisch
wertvoller Information, wie wir sie liefern.
Könnten Sie vielleicht zum Schluß etwas
Persönliches sagen zu ihrer Arbeit: wie sind sie zu O'Reilly
gekommen? Wollten sie schon immer mit Büchern arbeiten,
reizte sie der technische Bereich oder sind es die manchmal
liebenswert chaotischen Enthusiasten?
Bücher haben mich aus rein privatem Interesse
an Literatur schon immer intensiv begleitet. Beruflich
gesehen sind sie für mich ein attraktives Medium um Inhalte
zu transportieren und ein Produkt, das einen hohen Identifikationsgrad
erlaubt. Was die Arbeit bei O'Reilly so besonders macht
ist, daß wir uns als Verlag für Computerfachbücher an
der Schnittstelle zweier ganz unterschiedlichen Branchen
befinden; der sehr traditionsbewussten Verlags- und Buchhandelslandschaft
und der schnelllebigen, aber auch sehr innovativen und
dynamischen Softwarebranche, die nach völlig anderen Gesetzen
lebt. Diese Verknüpfung birgt spannende Herausforderungen.
Frau Weiß, wir danken Ihnen sehr für dieses
ausführliche Gespräch, im Namen von Buchkritik.at!
Von Bruno
Hopp am 3. 6. 2002
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