| So wie letztes Jahr habe ich mich
auch heuer wieder pünktlich im Pfarrheim von Achau (die Örtlichkeit
wurde wieder von Hochwürden Pfarrer Johann Frühwirth
zur Verfügung gestellt) eingefunden. Diesmal steht die Lesung
des österreichischen Krimiautors Wolfgang Weiss, der aus
seinem neuen Roman „Canossa Gang“ liest, am Programm.
Nach einleitenden, begrüßenden Worten von
Frau Sieglinde Grabner, der Leiterin der Bibliothek, erfährt
man – der Saal ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt
– daß es Frau Somasundrams Beharrlichkeit und herzlicher
Hartnäckigkeit zu verdanken ist, daß Herr Weiss und
dessen Gattin nach Achau gefunden haben, um in einer Doppel-Conference
den teils bizarren Arbeitsalltag der Polizei zu schildern. Frau
Somasundram erzählt kurz über das Schaffen des Autors,
der, bevor er sich der schreibenden Zunft angeschlossen hat, auch
Musiker und Graphiker war (siehe hierzu www.wolfgang-weiss.at).

Der Kriminalroman „Canossa Gang“ ist der
fünfte Fall des Kommissar Meller, aber nicht Weiss‘
fünftes Buch: Hervorzuheben wären hier die Biographie
„Sechster Sechster Fünzig“ oder die Jugendroman-Serie.
Wenn man Herrn Weiss vor und während der Lesung
beobachtet, fällt auf mit welch Enthusiasmus, und mit welch
Energie er an „seine“ Sache herangeht. Die Augen blitzen
lebenslustig und frech, als säße ihm der Kobold im
Nacken. Energisch geht er es an, ohne lange einleitende Worte.
Die Stimme fest und voll Überzeugung merkt man die positive
Lebenseinstellung. Sein Gesicht ist – heutzutage ja schon
selten – die „Menükarte des Lebens“. Ich
kann in Herrn Weiss Gesicht lesen, ohne seine Biographie zu kennen.
Falten der Sorge und des Ärgers neben jenen, die das Lachen
erzeugt (hat). Eine ruhige Lebensweisheit strahlt von ihm ab,
so, wie man sie manchmal von Bauern kennt, die trotz ihrer Schicksalsschläge
und Lebenserfahrungen nie die Bodenhaftung verloren haben.
Und all dies schwingt nun auch in seinem fünften
Roman mit.

ABER: nicht das Stilmittel Sprache besticht –
elaborierter Sprachstil sieht anders aus, man lese hier Alfred
Komarek. Man findet weder die bissige Ironie eines Slupetzky,
noch den pechschwarzen satirischen Witz eines Wolfgang Haas. Es
ist nicht die Raffinesse einer besonderen Erzählstruktur
oder der kunstvolle Wechsel im Erzählmoment, der das Zuhören
(und Lesen) interessant macht.
Die Figuren, allen voran der Protagonist Meller (er
sieht aus wie George Clooney und hält väterlich einfühlsam
die Abteilung zusammen und ist wohl das Alter Ego des Autors)
erscheinen charakterlich vielleicht ein wenig zu „glatt“.
Natürlich sind auch sie in Widersprüchen gefangen, aber,
ob sich die Auseinandersetzung mit diesen auch in der Entwicklung
der Charaktere widerspiegelt, werde ich erst beim Lesen erfahren
– die Lesung war hierzu zu kurz. Freuen werde ich mich beim
Lesen des Romans auf die Beschreibungen jener Orte, an denen die
Krimihandlung stattfindet, nämlich Mödling, Mödlings
Umgebung und Wien.

Der Abend war – wie auch letztes Jahr –
gelungen: Die Lesung war zeitlich gut bemessen und durch die Doppel-Conference
unterhaltsam gestaltet, die gewählten Ausschnitte gaben einen
netten Einblick in die Geschichte des Romans, ohne dabei zu viel
preiszugeben.
Das Buffet von den Damen der Bibliothek gezaubert,
erfreute mich als Vegetarier ganz besonders. Es war vielfältig
und ausreichend.
Natürlich habe ich mein Buch „Canossa Gang“
– ein Geburtstagsgeschenk – vom Autor signieren lassen,
natürlich werde ich es lesen und natürlich werde ich
zu gegebener Zeit meine Zunge darüber wetzen.
Zur Freude des Autors? Wir werden sehen…;-)
Von Christel
Schweitzer am 5. 11. 2010
|