Österreich liest
Stefan Slupetzky in Achau/Nö am 24.10.2009

Um 19 Uhr sind wir geladen, in das Pfarrheim
des kleinen niederösterreichischen Ortes Achau im Süden
von Wien. Die Pfarrbücherei wird von ein paar guten
Geistern, namentlich Andrea Winkler, Siegi Grabner, Inge
Larndorfer, Lore Giel und Angela Somasundram ehrenamtlich,
umtriebig und sehr engagiert geführt. Und diesem „Geist“
ist es zu verdanken, daß die heutige Lesung stattfindet.
Der Autor, der heute eine Kostprobe seines Schaffens zum
Besten geben darf, ist kein Unbekannter, nein - ganz im
Gegenteil - er ist sogar so bekannt, daß seine Werke
verfilmt werden:
Der Roman "Der Fall des Lemming" wurde
zum Bestseller. Die Verfilmung (bereits ab 2.10.2009 im
Kino) könnte den Austro-Kino-Boom weiter anheizen.
"Der Fall des Lemming" ist ein mörderischer
Thriller voll Spannung und schwarzem Wiener Humor. In den
Hauptrollen Fritz Karl als Leopold Wallisch alias Lemming
und Roland Düringer als Lemmings Chefs Krotznig. Ob
es eine Forstsetzung geben wird, wird die Gunst des Publikums
entscheiden, laut Slupetzky sei die Verfilmung ein "tiefer
Wunsch".

Aber zurück nach Niederösterreich:
Achau ist nicht groß, das Pfarrheim schnell gefunden.
Ein Veranstaltungsraum wurde mit ca. 100 Stühlen bestückt,
alle besetzt, wie ich feststelle. Also schwinge ich mich
auf einen der Tische, die man ringsum gegen die Wand geschoben
hat. Hier geht es ja nicht um die gute Sicht hin zum Tisch
des Autors, sondern um die Akustik. Schlecht sehe ich aber
trotzdem nicht und warte gespannt auf den Schriftsteller.
Die Zuhörerschaft stammt sicherlich zum großen
Teil aus Achau, aber auch aus Wien und Breitenfurt, ist
man angereist.
Zuerst die Begrüßung durch die Leiterin
der Pfarrbücherei , dann ein paar einleitende Worte,
die den Autor und sein(e) Werk(e) vorstellen. Inzwischen
ist Herr Slupetzky eingetroffen, lächelnd mit einem
Glas Wasser in der Hand wartet er auf seinen Einsatz. Schwarz
gekleidet, schlank und mittelgroß – ein gewinnendes,
aber auch süffisantes Lächeln im Gesicht, ein
intellektueller Mittvierziger, so präsentiert er sich
für mich.

Herr Slupetzky äußert sich hocherfreut
über das große Interesse, das ganz offensichtlich
ihm und seinen Werken entgegengebracht wird, es befinden
sich nun mittlerweile ca. 150 Zuhörer im Veranstaltungsraum.
Vielleicht ist diese Einschätzung sehr subjektiv, aber
der nun folgende Hörgenuß kommt nicht allein
vom Inhalt, den die Worte transportieren, sondern auch von
der Stimme, die diesen Inhalt spricht: angenehm weich und
dunkel.
Der Autor stellt den Protagonisten der Krimiserie
„der Lemming“ kurz vor, verweist auf die vorherigen
drei Bände und meint, daß der Lemming sich im
Hinblick auf seine Karriere ja eher im freien Fall befindet,
er sich dafür aber beziehungsmäßig glücklich
schätzen darf.
Im vierten Band wird der Lemming Vater, soviel
darf man verraten – auch, daß Herr Slupetzky
zuerst das fiktive Kind des Lemming „gebar“,
bevor er im selbst im gleichen Jahr Vater wurde. So erzählt
er dem Publikum verschmitzt:“ …man sagt immer
die Schriftsteller sind faule Hund‘, die schreiben
immer nur über das, was sie selbst erleben…“

Ohne Hast und ohne Eile, trägt die angenehme,
geschulte (?) Lesestimme des Autors, intonierend aber nie
affektiert die ersten Seiten des Krimis „Lemmings
Zorn“ vor. Herr Slupetzky berichtet, daß das
zentrale Thema dieses Romans – denn jedes seiner Bücher
hat ein zentrales Thema – der Lärm in all seine
Facetten ist. Im 20. Kapitel gestattet sich der Autor den
betagten, weisen Gerichtsmediziner Prof. Bernatzky das Thema
Lärm so richtig polternd in einer Mischung aus Wissen
und Polemik „auseinanderphilosophieren“ zu lassen
– eine Stelle, die er vorliest, ohne dem Verlauf der
Geschichte vorzugreifen. Es ist ein Krimi und als solcher
soll er schön langsam und genußvoll reifen, bis
der Autor die Idylle mit einem Schlag zerstört.
Nach der Lesung aus dem vierten Band der Krimireihe
„Lemming“ erfreut der Autor das Publikum mit
einigen Gedichten und Wienerlieder, die auf Wienerisch verfaßt
sind, aber nichtsdestotrotz in Niederösterreich verstanden
werden und mit Gelächter und Applaus quittiert werden.
Das Wienerische mag als vulgärer Dialekt eingestuft
werden, so ist es aber eine wahre Fundgrube an Idiomen und
Metaphern. Alleine die Palette der mannigfaltigen Ausdrücke
für das Sterben reichen von äußert derb
bis prosaisch!
Ein sehr interessanter Text mit dem Namen "Atemlos"
folgt, den der Autor mit den Worten:
“Sie wollten das so, ich habe Sie gewarnt, der Text
ist seltsam“ einleitet. Seltsam finde ich den Text
nicht, mit durchaus scharfer Ironie wird mit dem Körperkult,
dem Gesundheitswahn, dem Konsumrausch, dem Sicherheitsgedanken
und der Leere im Kopf abgerechnet, wobei ein Wortspiel aus
„Wartung und warten“ ein wiederkehrendes Stilmittel
darstellt, um den Kreis zu schließen, bei einem Thema,
das sonst ausufernd wäre.

Es ist dieser Stil des Ausdrucks, des Formulierens,
der Slupetzkys Bücher prägt. Die Gesellschaft
wird mittels des Spiels der Worte - aus der Mundart gelernt
und übernommen – scharfsichtig, aber nicht scharfzüngig
beobachtet. Der Einzelne, eben oft ein Lemming unter vielen,
wird scharfsinnig beschrieben, aber nicht scharfkantig analysiert.
Der schwarze Humor, der diese Wortspiele begleitet, ist
Teil der Wiener Lebenskultur. Die Selbstironie mit der man
sich die eigene Unzulänglichkeit eingesteht, wirkt
sympathisch, weil sie menschlich ist.
Applaus brandet nach der Lesung des Textes auf,
der Autor verneigt sich, sichtlich gerührt, wird aufgefordert
noch ein letztes Gedicht vorzutragen. Dieses ist ein Gedicht
über ein amerikanisches Paar auf Hochzeitsreise durch
Österreich – witzig, ein wenig bissig wird der
eine oder andere Ort in Österreich karikiert.

Vom Applaus begleitet, darf sich Herr Slupetzky
endlich zu seiner wohlverdienten Zigarette zurückziehen,
bevor er die Signierstunde beginnt.
Ein rundum interessanter und unterhaltsamer
Abend ist da der kleinen Gemeinde Achau gelungen, der bei
einem Buffet und einem Gläschen Wein ausklingt, beides
ist von den emsigen Helfern und Veranstaltern bereit gestellt
worden, all das gegen eine freiwillige Spende!

Als ich am Heimweg bin und meine vier Bände
Slupetzky unter dem Arm trage, denke ich, daß meine
Voreingenommenheit dem Genre „Krimi“ gegenüber
wieder einmal eines besseren belehrt wurde: ja ich werde
sie lesen, alle vier Bände und Sie, liebe Leser, werden
wieder von mir hören!
Von Christel
Schweitzer
am 27. 10. 2009
|