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Don Delillo
Körperzeit

Kiepenheuer & Witsch
2001
124 Seiten
DM 29,90


Von Volker Frick am 17.02.2001

  Ein neuer Roman von Don Delillo. Aber wo bleibt die Politik, wo die Verschwörung? Irgendwie anders dieser Roman. Vielleicht. Irgendwie.
 
  Nach der nomadischen Wanderung durch die nordamerikanische Kultur des Kalten Krieges – „Unterwelt“ – nun der Roman um ein Ehepaar. Irgendwie. Rey Robles, 64jähriger Filmregisseur mit Kultstatus, und Lauren, seine 36jährige dritte Frau, Konzeptkünstlerin. Ihr Vater Archäologe, ihre Mutter starb als sie neun war. Sein Vater starb im Spanischen Bürgerkrieg, er wurde geboren in Barcelona, wuchs auf in der Sowjetunion, dann Paris, dann Los Angeles. Er fährt nach New York und bringt sich im Appartment seiner ersten Frau um. Und was hätte Delillo daraus machen können...
 Zufall, Vandalismus und Verschwörung, Popkultur, Paranoia und Konsumentengewalt, Serienkiller und Minigolf, Schmerz, Ekstase und Hundefutter, Kettenreaktion, Anrufbeantworter und Spieltheorie, automatische Türen, vermisste Kinder auf Milchkartons und Linguistik. Irgendwie hat sich Delillo sehr zurückgenommen in diesem Roman, der auch nur knapp über einhundert Seiten lang ist. Aber er ist natürlich auch ein Heiliger auf der Suche nach Gott. In seinem gesamten bisherigen Werk gibt es Einflüsse religiöser Natur, Spuren von Buddha, Zen oder Tao. Man denke nur an die Sekte der Serienkiller Ta Onomata in „Die Namen“. Rekursive Unentscheidbarkeit. Und Descartes wurde ohne seine rechte Hand beerdigt.
  Es geht in diesem Roman um die Sprache, um unser Angebot an Gott. Heilige sprechen mit den Vögeln, aber nur Verrückte bekommen eine Antwort. Lauren ist trotz disziplinierter Einsamkeit nicht allein in ihrem Haus. Sie schaltet ihren Computer an und schaut sich ein Live-Stream-Video an, eine Strasse in der Stadt Kotka in Finnland. Leerer Asphalt. Und wenn sie nicht gerade die Vögel füttert oder das Telefon klingeln lässt, dann bringt sie ihren Körper auf Vordermann, irgendwie. Und da ist ein Mann in ihrem Haus, sie nennt ihn Mr. Tuttle, dem sie aus einem Anatomiebuch vorliest, ihm Fragen stellt, und seine Antworten mit jenem Kassettenrecorder aufzeichnet, auf dem ihr Mann seine Filmideen festhielt.
  Nach „Unterwelt“ sind in Deutschland zwei weitere Bücher von Delillo erschienen, „Bluthunde“ und „Valparaiso“, und dieser neue Roman von ihm ist gerade erst im Original erschienen, da liegt er erfreulicherweise auch in der Übersetzung von Frank Heibert auf deutsch vor. Und Mr. Tuttle spricht. Und da dies auf den ersten Blick irgendwie an den Dialog von Lucky aus „Warten auf Godot“ erinnert, und erst auf den zweiten uns daran gemahnt, das zum einen unser Körper ein Gefängnis ist und zum anderen es keine Zeit gibt, eine kleine exquisite Passage aus dem Original, Mr. Tuttle sprechend:
  „Coming and going I am leaving. I will go and come. Leaving has come to me. We all, shall all, will all be left. Because I am here and where. And I will go or not or never. And I have seen what I will see. If I am where I will be. Because nothing comes between me.”
  Wenn nichts dazwischen kommt wird dieser Roman von Don Delillo seine Leserschaft finden. Ganz zweifellos.

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