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Joyce Johnson
Warten auf Kerouac
Ein Leben in der Beat- Generation

btb
1999
315 Seiten
DM 17,-


Von Volker Frick

  „Ich? Mich fortpflanzen? Niemals!“ So schrieb Allen Gisberg in einem Hotelzimmer in Paris, erzählt uns Joyce Johnson. Und er notierte weiter auch: „ Das Experiment der Existenz ist völlig gescheitert.“ Allen Ginsberg hat gut reden. „Ich weiß nicht. Mir ist es gleich. Und es spielt auch gar keine Rolle.“ So Kack Kerouac, und Joyce Johnson erzählt ganz gut. Peter Orlovsky, Robert Creeley, natürlich Allen, die Black-Mountain-Dichter, der Desolation Peak. Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Kindheit auch, College und „’On the Road’ erschien am 5. September 1957“ erfahren wir zu Anfang des 11. Kapitels in einem Buch, das im Original 1983 erschien, und in diesem Jahr passend zur Feier des Tages hic et nunc erscheint. Jean-Louis Lebris de Kerouac hätte im März dieses Jahres seinen 75. Geburtstag feiern können, wenn er nicht 1969 47jährig gestorben wäre. Joyce Johnson erzählt gut, das fehlte (gerade) noch, und während des Lesens wird dieses Erzählen wichtiger, aber erzählt man denn heute noch so sein Leben? Manchmal plappert’s einfach so daher, gut erzählt, oder doch infantil? Meine Wenigkeit mag den Stellenwert, wenn denn, dieses Buches nicht zu benennen. Aber lesen Sie ruhig, es hat schon irgendwie drive, schließlich hat Joyce ja auch vier Romane geschrieben.
  Kometenhafte Debüts. Die ‚Beat Generation’, die geschlagene, am Boden liegende und dort zerstörte Generation, stellte alles auf den Kopf. Begeisterung als Dauerzustand, ohne Anlaß und ohne Ende, die Welt nur mit dem Gefühl zu erfassen und sich aller Vernunft zu entschlagen. Exzesse, die ins Kriminelle abgleiten – Lucien Carr tötet David Kammerer, der vor ihm kniend, mit gideschem Pathos gesagt haben soll: „Liebe mich oder töte mich.“ Lucien erweist ihm die Gnade. Jack K. hilft Lucien, sie schlagen sich die Nacht um die Ohren. Dann stellt Carr sich, und Jack sagt aus: „Ich sah nur, wie er die Brille vergraben hat.“ Rauschartige Zustände, Sex jeder Schattierung, Rausch der Geschwindigkeit, frei, anarchische, unbürgerlich, erleuchtet, außerhalb der Gesetze. Der Antagonist jener Zeit ist der square, der Quadratische, der Bürger, der Mörder mit dem frommen Augenaufschlag. Also, no chance, ohne Hoffnung auf eine Zukunft freiwillig in die Verbannung. Das Idol dieser Generation ist Dean Moriarty (d.i. Neal Cassady), jedermanns Bruder in schmieriger Kleidung. „In seiner dringlichen Art des Sprechens hörte man wieder die Stimmen alter Gefährten und Brüder unter der Brücke, mitten zwischen den Mopeds und wäscheleinenbespannten Häuservierteln oder auf den trägen Treppen des Nachmittags.“ Das Superlativ und das Superlativ der Superlative: WOW! Eine aus den Nähten platzende Männlichkeit. Jazzmusik – „Jazz und Bop in dem Sinn, wie ein Tenorsaxophonist Atem schöpft und eine Phrase auf seinem Saxophon bläst, bis ihm der Atem ausgeht, und wenn das geschehen ist, muß die Verlautbarung erfolgt sein ... Ich formulierte die Theorie des Atmens als Maß in Prosa und Lyrik“, Jack K. again. Unüberbrückbare Einsamkeit. Handeln heißt Leiden, der schöne Augenblick zerfließt unter den Fingern (Ein Mahl pro Tag – Keine Drinks – Keine Freunde). „Die Lebensspanne einer Ameise ist sehr kurz, und sie lernt nur, das Wissen Unwissenheit bedeutet“, schrieb Kerouac in seinem Traumtagebuch. Ein wilder Haufen, und mittendrin, im Outfit eines Bankers, William S. Burroughs. Und all die anderen. Irgendwann später, ein Vierteljahrhundert, war zu lesen im Time-Magazin: „Diese koboldhafte kleine Figur, dieser akademische Teufel... hört sich nicht mehr zornig an. Er stimmt kein Geschrei mehr an über die Verrücktheit seiner Zeit. Er macht sich nur noch lustig über die Vergangenheit.“ So war Allen. Und ich erinnere die letzten drei Zeilen des Gedichtes Psalm 1: „Dieses Geklatsche ist exzentrisches Dokument, es verliert/ sich in einer Bibliothek und wird erst dann wieder/ gefunden, wenn sich die Taube auf uns herabsenkt.“ Und auf dem Grabstein des Vaters von Allen steht: „Beantworte ein Rätsel mit einem Stein.“ Vielleicht kommt irgendwann einmal der Moment, an dem man gefordert wird – die Frage ist nur, ob man dann noch bereit ist, sich fordern zu lassen. Doch gibt es noch Zeit, in der das Leben verwirklicht werden kann? Oder Peter Orlovsky in seinem Second Poem: „For this drop of time on my eyes like the endurance of a red star/ on a cigarette makes me feel liefe splits faster than scissors.” Dies ist das erste und einzige Leben. Alles andere wäre second hand. Und dieses Buch steht irgendwo allein dazwischen. Schlagen Sie es auf.

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