Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Raymond Federman
Der Pelz meiner Tante Rachel

dtv
2000
281 Seiten
DM 18,50


Von Volker Frick am 21.01.2001

  „Es ist reiner Zufall, dass ich noch lebe, ich hätte ja mit meiner Familie sterben sollen. Ich bin überflüssig.“ Absent Presence, Raymond Federman, zwei neue Bücher dieses Schriftstellers. Seine Romane werden gelesen in Deutschland, Frankreich, Italien, Ungarn, Polen, Griechenland, Rumänien, den Niederlanden, in Japan und China, und auf Hebräisch sind sie natürlich auch zu haben.
  Nun lassen sich alle Bücher von Raymond Federman als multiple pretexts benennen, Fantasien des autobiographischen Selbst. Was das heißt? Nun, das leere Blatt hat die Funktion eines Spiegels für die selbstreflexive Konstituierung von Realität und Identität. Andrerseits ist die Darstellung des kreativen Prozesses des Schreibens im Geschriebenen so neu nicht. Im vergangenen Jahrhundert gab es noch einen Autor, eine erzählerische Perspektive und die Repräsentation einer objektiven Realität im Roman, zusammengesetzt aus einer chronologischen Abfolge von Ereignissen und einer kausalen Struktur dessen, was man plot nennt.
  Ah, du willst wissen, was mich an diesem Buch fasziniert hat. Ach, weißt du, erst mal der Titel, und, ich kenn’ diesen Federman doch, nein, nicht persönlich, aber er ist immer für eine Überraschung gut. Weißt du, Federman ist creative writing nach Beckett. Was? Du kennst Beckett nicht? Ah, ich kann mich noch genau erinnern, wie ich ihn kennenlernte, aber das ist eine andere Geschichte. Doch lass’ mich dir kurz die Geschichte von dem Spiegel erzählen. Du wirst schon sehen warum. Also, nehmen wir ein Kind, also nur so als Fiktion, du verstehst, ein Beispiel. Dieses Kind ist zwischen einem halben und anderthalb Jahren alt, und es entdeckt die Einheit seines bis dahin eben nicht so wahrgenommenen Körpers im Spiegelbild als ein Bild des Anderen. Identität als Reflektion des eigenen Selbst, welches aber nur ein Ergebnis dieser Reflektion ist. Das Spiegelbild ist bar jeglicher körperlichen Substanz. Das Kind sucht diesen Anderen, aber da ist niemand hinter dem Spiegel. Das Selbst ist anwesend in einem reflektierten Bild, abwesend als körperliches Wesen. Was denn? Na klar ist das Lacan, stade du miroir, aber Federman erzählt so, irgendwo hat er mal geschrieben I want to tell a story that cancels itself as it goes, oder sein Freund Sukenick in seinem Roman 98,6: Civilization comes down to a man staring at an empty page.
  Auf dem Umschlag des Buches ein Tisch und zwei leere Stühle. Im Buch unterhalten sich zwei, aber lesen kannst du nur die eine Stimme, die andere wird durch die Leere zwischen den Absätzen dargestellt und durch das Aufgreifen der ersten Stimme, was die zweite Stimme vielleicht gesagt hat, verstehst du? Ja, genau, die Stimme in der Stimme. Richtig gutes Buch, auch wenn der Erzähler sich seiner auch entledigt, nein warte, also, er ist kaum noch auffindbar, nein warte.
 
  Also, jetzt erzähl ich dir mal ’n bisschen von dem, was der Erzähler so erzählt. Also, er kommt nach zehn Jahren in Amerika zurück nach Frankreich. Und erzählt von Amerika, von Susan, die er Sucette nennt, weil sie großartig war beim Blasen, und als sie mal wieder anfangen zu fummeln sagt er oh Judy, Judy und da geht die Brüllerei los. Also Judy war ’ne Schuhverkäuferin in Detroit oder Motown oder shitcity. Er wartet zwei Stunden vor’m Geschäft und sie kommt nach Geschäftsschluß raus und fragt, was er da macht, als ob sie das nicht wusste die Dreckschlampe... und zwei Tage drunter und drüber, sie auf mir, ich auf ihr, auf dem Bett, auf dem Boden, auf dem Tisch, auf der Couch, undsoweiter. Ohne Chronologie.
  Dann erzählt er von seinem Vater, einem starving artist, von seiner Familie, die Geschichte des Eimers ihrer Notdürfte, er paraphrasiert Sartre: ...wir sind erfüllt von der Verhunzung die wir haben erleiden müssen als wir Kinder waren, wie seine Eltern und seine Schwestern auf Lampenschirme reduziert wurden, und immer diese fucking disgressions wie er das nennt: Abschweifungen.
  Ja, und plötzlich ist der abwesende Zuhörer eine Frau, eine Lektorin oder so, und er erzählt von seiner Tante Rachel: Ihr Leben ist wie ein Roman gewesen. Und er spricht von der großen Abwesenheit die seine Arbeit bestimmt.
  Er nennt sich Romancier, schwatzt und schwatzt, erzählt von Mallarmé, der sich fragte, ob es diesem einstigen Schwan gelingen wird sich von dieser weißen Agonie zu befreien. Und von Gide, der ja wohl gesagt hat, dass man eine Person erst duzen kann, wenn man vorher mit ihr geschlafen hat. Und Beckett natürlich, Wahrscheinlich der bedeutendste Schriftsteller unserer Zeit. Und unser Erzähler vergisst den Regenschirm, fährt mit dem Taxi, und der Taxifahrer sagt ihm die Adresse, und dort hat er seine Kindheit verbracht. Zufall oder was? Es ist der Mann der Feder in mir der zum Schwätzen neigt.
  Aber dann erzählt er wieder weiter seinem abwesenden männlichen Zuhörer. Ja ja, all’ die Schriftsteller mit den obligatorischen Rollkragenpullis, und dann erzählt er seine Krümmel-Erinnerungen und ein Gedicht betitelt Vater, hab’ ich das schon erwähnt? Na, er spricht von Didier Anzieu und das alles off-stage, ich meine, du befindest dich ja jetzt auch außerhalb des Textes, und du hörst nicht mal zu. Schon gut, schon gut, also dann erzählt er wieder von seiner Familie, von seiner Familie und Tante Rachel, meine Wenigkeit bekommt immer einen Steifen wenn sie einen schönen Arsch sieht, und der Arsch meiner Tante Rachel, was? Nein, er ist ja noch ein Kind, er träumt ja nur, er ist ein Kind und seine Tante Rachel ist gar nicht da, abwesend, er träumt das als Kind, aber der Erzähler sagt dann mit dem Wichsen aufzuhören das wäre der Tod..., und natürlich interessiert sich ja jeder für seine kleine Überlebensgeschichte, aber du, du willst Arschgeschichten. Na warte.
  Also, er erzählt wie er nach seiner zweiten Geburt überlebte auf einem Bauernhof. Wie er träumt ohne Freud, ohne Lacan, und versteht doch nicht die Schlichtheit und die gleichgültige Gewalttätigkeit der Fortpflanzung und des Todes. Und dann zitiert er Derrida, kursiv. Aber er erzählt eben auch, also, er ist hypersensibel und hypernervös. Was? Na klar, Tante Rachel. Ja, sie ist dann da, und er umarmt sie und versinkt, und sie umarmt ihn. Ihr Pelzmantel öffnet sich in der Umarmung. Sie kauft ihm Klamotten, weil er noch immer ein kleiner Junge ist mit einer zerfetzten Decke um die Schultern, aber wenn sie meine Fußsohlen leckte kitzelte mich das und ich lachte laut auf, und dann sagt er, niemand wird das je erfahren. Und das macht ja gerade klasse storytelling aus.
  Ja klar, er läuft dann noch mal im Amour Fou Verlag auf, aber sein Nudelroman, ja ja, ich hab’ ihn auch gelesen, aber er erzählt ihn immer als noch zu schreibenden. Und über diese vernebelte und erledigte Postmoderne spricht er auch, noch immer ist aber der Roman da. Er spricht von Roland Barthes, nomadisierenden Intellektuellen, und dann ist da die Einleitung, das letzte Kapitel. Nein warte, du willst gehen, ach, bestimmt irgend ’ne Biene, na los komm her damit wir uns umarmen können um uns Lebewohl zu sagen.
 
  Was? Ach so, ja, das andere neue Buch von diesem Federman heißt Penner Rap. er hat es zusammen mit George Chambers geschrieben, der im Vergangenen Jahr gestorben ist, und es erscheint überhaupt zum ersten Mal, und das in diesem Land, in dem er sich gerade mal wieder aufhält, und wenn du ihm schreiben willst: federman@acsu.buffalo.edu oder moinous@aol.com. Also, viel Spaß, und vergiss’ Jabès nicht ...denn der Dialog ist immer dreistimmig.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.