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Raymond Federman
Penner-Rap

Suhrkamp
1998
167 Seiten
DM 16,90


Von Volker Frick am 16.12.2000

  Raymond Federman ist den Lesern natürlich kein Unbekannter, und so sei verwiesen auf zwei neue Bücher von ihm, die sehr unterschiedlich sind. Das eine ist sein zweiter Roman Take It Or Leave It, der im Original vor über zwanzig Jahren erschien, das andere eine Gemeinschaftsarbeit mit dem 1996 verstorbenen George Chambers unter dem Titel Penner-Rap. Kleine Prosa-Happen, oder besser gesagt micro-fictions. Zwei alte Knacker, die sich die Zeit vertreiben. Mal heißen sie Penner 1 und Penner 2, mal Sam und Ace, mal Um & Laut. Pennersprüche über die Freundschaft, dies und das. Das erinnert an die beiden Typen, die am Abgrund sitzen, Karten spielen und ihr Spiel nur unterbrechen, da jemand kommt zu springen. Oder natürlich an Vladimir und Estragon, schlimmstenfalls an Bouvard und Pécuchet. Wenn wunderte es, wenn der Eine fragen würde 'Wie geht es dir?', und der Andere antwortete 'Von Tag zu Tag besser'. Raymond Federman feierte im Mai seine sechzigsten Geburtstag, las Anfang Juli im Kulturgasthaus Bierstindl in Innsbruck, und Tage später in einem Thermalbad, wie der NZZ zu entnehmen war. Dann noch Finn- und Russland. Im November ist er in München anläßlich der Veröffentlichung eines audio-books, denn die meisten seiner literarischen Arbeiten wurden als Hörspiele vom Bayerischen Rundfunk realisiert. Seine beiden Schwestern und seine Eltern entkamen Auschwitz durch den Schornstein. Seine Worte. Stiernacken. Und in Deutschland wird er gelesen. Schließlich ist er ein Überlebender, einer mit Humor, einer, der es schafft Sie zum Lachen zu bringen, bis Sie Tränen in den Augen haben. Hey, kennen Sie den Film von Jean-Luc Godard, in welchem ein Schwarzer in einem Porno-Shop laut ("Noch nie hat eine schwarze Frau mich so erregt wie eine Weiße.") aus einem Pornoroman vorliest, während der Ladeninhaber Mein Kampf liest? Aus welchem Jahr? One plus One. 1968. Mit den Rolling Stones. Pleased to meet you. Abschweifungen. Kleine deutsche Mädchen, die sagen 'Worte besser als Sex'. Ich zitiere nur, sagt er.
  Raymond Federman ist ein Urgestein von Romancier, aber eben auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Die literarischen Topoi sind mehr oder minder immer die gleichen, also seine Geschichte, wie seine Mutter Courage hat und ihn im Kleiderschrank vor den die Treppe hinaufstürmenden Nazi-Schergen versteckt. Seine Eltern und Schwestern tauchen in seinen Romanen und Gedichten auf als Ausgestrichene: X-X-X-X. Damals war er 14 Jahre alt, versteckte sich drei Jahre auf dem Lande, wo er hart arbeitete, ging dann in die Staaten, auch kein Zuckerschlecken, und in die Armee, also nach Korea ('s ist Krieg), und irgendwann erscheint sein erster Roman, dann sein zweiter, und jener liegt nun auf deutsch vor, und dieses Buch hat alles außer einer Paginierung. Das Kapitel, wo Charlie Parker das Horn des Protagonisten bläst, bis zum Umfallen, ist aber nicht das Allerbeste. Aber gelacht habe ich auch, unglaublich diese Abschweifungen. Laut gelesen bekommt dies Buch einen ziemlichen drive, na ja, und lesen sollten Sie es auf jeden Fall, ebenso wie den Penner-Rap, denn für lange Zeit werden das die letzten Bücher dieses Autors sein. Und wenn Sie gerade 75.000 Dollar zur Hand haben, können Sie die gesamte Korrespondenz, signierte Bücher, und sonstige Memorabilien von Samuel Beckett, die sich im Besitz von Raymond Federman befanden, käuflich erwerben. Raymond Federman hat, wie Sie wissen, mehrere Bücher über Samuel Beckett geschrieben, darunter die maßgebliche Bibliographie seiner Werke bis 1970. Ende diesen Jahres erscheint nun die erste annotierte Bibliographie zum Werk Raymond Federmans, und zwar von Thomas Hartl, der den vorhergehenden Roman von Raymond Federman, Der Pelz meiner Tante Rachel, aus dem Französischen ins Deutsche übertrug, und, ach ja, Penner-Rap ist in Deutschland überhaupt zum ersten Mal erschienen, will sagen, das Original ist bis dato unveröffentlicht - bis auf eine kleine Geschichte daraus, die online zu finden ist. Also, lesen Sie Federman, Sie werden sich köstlich amüsieren - und hoffentlich bleibt auch Ihnen hie und da das Lachen im Halse stecken.

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