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David Mazzucchelli
Paul Auster’s Stadt aus Glas
New York-Trilogie I

Reprodukt
2005
Übersetzt von Heike Drescher
135 Seiten
ISBN-13: 978-3938511060
€ 14,-


Von Volker Frick am 16.12.2000

  Mit einer falschen Nummer beginnt dieses Buch. ‚Stadt aus Glas’ war der erste Roman von Paul Auster auf dem deutschen Buchmarkt, aber erst später mit der zeitgleichen Veröffentlichung des Romans ‚Im Land der letzten Dinge’ und der ‚New York-Trilogie’, in welcher ‚Stadt aus Glas’ wieder erschien, begann die Wahrnehmung und Reputation dieses Autors, der, neben anderen, ein neues Licht auf die Schattenseiten nicht nur der nordamerikanischen Zivilisation wirft. Prismatisch flottieren die Identitäten, die Sprache wird erforscht als etwas Verlorenes, da die Dinge und ihre Benennungen nicht mehr übereinstimmen. Menschen gehen gekrümmt durch die Schluchten babylonischer Metropolen. Getriebene und sich treiben lassende Menschen, die trotz des Chaos, dem sie ausgesetzt sind, einen Fuß vor den anderen setzen, weitergehen, und sich doch immer wieder fragen, was ist das, das Leben? Und welches sind die Worte, die es benennen könnten? Leben. Literatur bezieht vielleicht einen Großteil ihrer Existenz aus der Darstellung der Vergänglichkeit. Erinnerung. Bilder aus der Vergangenheit, jene, die durch die Reflexion eine neue Bedeutung erhalten, oder vielmehr offen legen, wie die Dinge genannt wurden, und warum es vielleicht damals alles so kommen musste. Literatur ist dann auch immer ein Detektivspiel, die teilhabende Lektüre an der Suche nach einem logischen oder doch irgendwie sinnhaften Zusammenhang. Von einem Spiegel zum anderen. Chaos. Bilder. Assoziationen. Transformationen. Der Detektiv und der Autor auf der Suche nach der verlorenen Zunge. Daß nun dieser frühe Roman von Paul Auster in einer Comic-Version daherkommt ist eine der schlechtesten Ideen sicherlich nicht, zumal, dies sei betont, diese Form der ‚Übersetzung’ als durchaus halbwegs gelungen und ansprechend bezeichnet werden kann (by the way: Für September ist ‚Hand to Mouth: A Chronicle of Early Failure’, das neue Buch von Paul Auster, angekündigt).
  Der Comic hat zurecht den Nimbus des archetypischen und infantilen im Grunde unliterarischen Populärmediums im Zeitalter der Massen. Ästhetische Fragen werden ihn also auch kaum aufzuhalten vermögen. Und da es ‚Faust’, ‚Hamlet’ und ‚Odysseus’ als Comic schon gab, warum also nicht ein Roman von Paul Auster, zumal dieser äußerte, dass die Comic-Version seines Romans dem Original näher kommt als eine Verfilmung, „weil sie etwas verdichtet und ausstrahlt, was nur in der Zeichnung erreicht werden kann.“ Neben dem Film ‚Smoke’, an dem der Autor Auster maßgeblich beteiligt war, und dessen Grundlage eine ‚christmas-story’ von ihm war, gibt es noch die Verfilmung seines Romans ‚Die Musik des Zufalls’ von Philip Haas, eine Adaptation, die Auster folgendermaßen kommentierte: „My work was already finished before he started.“
  Die Illustrationen schuf David Mazzucchelli, der ‚Daredevil’ und ‚Batman’ zeichnete, einige Jahre abtauchte, um dann, wie in der taz zu lesen stand, „eigenwillige Autorencomics herauszubringen.“ Eines Abends klingelt das Telefon bei dem Krimiautor Daniel Quinn, der unter dem Namen William Wilson seinem Protagonisten Max Work zum Leben verhilft. Falsch verbunden. Doch – „Quinn hatte schon längst aufgehört sich für wirklich zu halten.“ – er übernimmt den Auftrag, und unter dem Namen Paul Auster beobachtet er einen Mann namens Peter Stillman, der nach vielen Jahren aus der Psychiatrie entlassen, von der Frau Peter Stillman jun. als mögliche Gefahr gesehen wird. Der Vater sperrte seinen Sohn viele Jahre in ein dunkles Zimmer: „Ich erfinde eine neue Sprache.“ Quinn macht sich Aufzeichnungen, er zeichnet auf, er zeichnet die Wege von Peter Stillman sen. nach, und diese Zeichnung in seinem Notizbuch wird plötzlich lesbar: OWER OF BAB.
  Quinn verliert sich in dieser Geschichte, geht durch Wandlungen, findet sich wieder, und als er sich bei dem Privatdetektiv Paul Auster entschuldigen will, - unter diesem Namen findet er nur einen Eintrag im Telefonbuch -, sagt dieser ihm, er sei Schriftsteller. Doch über der Klingel von P. Auster, draußen neben der Haustür, steht der Name H. Siri, und da mochte ich diesen Autorencomic. Vielleicht muß man in diesem Fall den zugrundeliegenden Roman kennen (by the way: Siri Hustvedt ist bekanntermaßen Austers zweite Frau, ihr erster Roman: ‚Die unsichtbare Frau’, ihr zweiter Roman ‚Die Verzauberung der Lily Dahl’ ist just erschienen). Ob andererseits jemand ohne Lektüreerfahrung einfach so diesen Comic goutieren kann sei hintangestellt dahingehend, dass, falls doch, das kaum je zur Lektüre des Originals verführen wird, was ja aber auch nirgends zwingend vorgeschrieben ist. Die inhaltliche Vielschichtigkeit oder auch auktoriale Assoziationswabe des Romans findet sich bildhaft umgesetzt. Sprechblasen ist nicht. Textbearbeitung: gemeinsam mit Paul Karasik: der Illustrator. Gemeinsam herausgegeben von Bob Callaghan, der in einem fulminant knappen wie furiosem Vorwort dieses ersten Bandes von ‚Neon Lit’ präzise das Unbehagen überschreitet, der Liebe zum Detail den Weg zu ebnen, und Art Spiegelman, dessen ‚Maus’ (die Darstellung des Holocaust mit den Mitteln des Comics) in 15 Sprachen erschien, und der auf die entsetzte moralinsaure deutsche Reaktion, ob die Massenvernichtung der europäischen Juden als Comic dargestellt nicht von schlechtem Geschmack zeuge, antwortete „Nein. Ich glaube eher, der Holocaust war ein Zeichen schlechten Geschmacks.“
  Die letzte Einstellung: In einem Feuer verbrennen ein Notizbuch, ein zerfetzter Regenschirm. Ein Puppenkopf ragt aus den Flammen hervor, am Rand ein kleines Holzkreuz, und unscheinbar links im Vordergrund Schalen eines Eies. Blätter die im und um das Feuer wirbeln, mit Zeichnungen des Comics, den Sie gerade gelesen haben. Humpty Dumpty, ein Fingerabdruck, Edvard Munchs ‚Der Schrei’ als Kinderzeichnung. Und von rechts unten reingereicht ins ‚tableau’ ein Notizblatt: ‚Und wohin auch immer/ er verschwunden sein mag/ ich wünsche ihm alles/ Gute’. Geht in Ordnung, sowieso, und preiswert auch. Sie riskieren einen Blick, dann kommt die Bilderflut, dann sind Sie draußen. Stillen Sie ihr Verlangen. Solcherart.

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