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Siri Hustvedt
Die Verzauberung der Lily Dahl

Rowohlt
1999
287 Seiten
DM 14,90


Von Volker Frick am 16.12.2000

  Siri Hustvedt, geboren 1955, heiratet siebenundzwanzigjährig einen zu jener Zeit noch relativ unbekannten amerikanischen Autor. Vier Jahre nach der Hochzeit ihre Dissertation: ‚Figures of Dust: A Reading of »Our Mutual Friend«’. Eine gemeinsame Tochter: Sophie. Ihre Dissertation, im Rückgriff auf linguistische und psychoanalytische data (Jakobson, Lacan, Kristeva), behauptet über Dickens’ Konzeption der menschlichen Identität als eine fragile, mit ihren Figuren der Abwesenheit, der physischen Fragmentarisierung der Körper und Dinge – Ödipus, persönliche Schismata, entrückte Rede -, dass die Erinnerung als erzählerische Essenz der kohärenten Identität gegenübertritt, aber die Fantasie in allen kollektiven Fiktionen der Kultur den Figuren erst ermöglicht, sich zu artikulieren. So Hustvedt über Dickens, nach Hustvedt.
  Drei Jahre zuvor hat sie einen kleinen, fast unauffindbaren Gedichtband veröffentlicht (‚Reading to You’). Später eine Biographie über Dostojewski aus dem Norwegischen mitübersetzt und sich in ähnlicher Weise an einem Buch beteiligt mit dem Titel ‚Fragments for a History of the Human Body’. Ihr erster Roman formulierte die Angst vor Geheimnissen zwischen Menschen, all dem Unausgesprochenen, führte fort zu anderen Augen, geplagt von einem instabilen ZNS. Ein erster Frauenroman, sprach ich seinerzeit, dessen Originaltitel ‚The Blindfold’ zu ‚Die unsichtbare Frau’ mutierte. ‚Die Verzauberung der Lily Dahl’ – der Titel des zweiten Romans von Siri Ellen Hustvedt.
  Was wird erzählt? Der Roman kommt als ein Roman daher, der sich gut lesen lässt, und man wird doch das Gefühl nicht los, es ist kein Roman, es ist viel mehr: Lily, 19 Jahre alt, eine aufstrebende junge Schauspielerin – ‚Sommernachtstraum’ -, die erwachsen wird in einer Kleinstadt in Minnesota, die ein Faible für Marilyn Monroe hat und die die unglaublich dumpfen Männerphantasien gar nicht mag, wo sie doch mit dem flüchtigen Charme ihres Idols kokettiert im ‚Ideal Cafe’, in dem sie arbeitet und Missmutige bedient wie Martin Petersen, der Fotografien von Körpern und verschwundenen Kindern sammelt. Zwar grübelt Lily ein wenig existentiell, ist beunruhigt und verunsichert – sie führt ein Tampon ein und hat das Gefühl, nicht mehr da zu sein, wo sie ist, sondern irgendwo anders -, aber gegenüber im ‚Stuart Hotel’ malt Edward Shapiro, und sie beobachtet ihn, sieht aber seine Bilder nicht, und so verführt sie ihn mit einem Striptease am Fenster, woraufhin er Don Giovanni auflegt. So werden sie Liebende, und sie bekommt seine Bilder zu sehen, wobei ihr plötzlicher Sturz in die Sexualität weniger auf ihr eigenes Vergnügen abgestellt ist, als vielmehr darauf ausgerichtet, Ed glücklich zu machen. Merkwürdige Dinge geschehen, es ist etwas im Gange. Die Kunst und die Künstler, der Wahn, die Kindheit, der Pfarrer, die Fesselungsspiele, die Liebe und das Leben. Der unendliche Kreislauf der Körper. „Sie hatte es nicht eilig. Wenn Wunder geschehen, hat niemand es eilig. Lazarus war bestimmt nicht gerannt. Er stand auf, dachte Lily, und trat, noch in seine Leichentücher gehüllt, aus dem Grab.“ Doch Lily legt sich später auf das Grab von Martin, der sich die Kugel gibt, direkt in den Mund, sein Leben aushaucht und sie mit Blut überschüttet – sie lebt.
  Aber psychotische Phasen und eine allzu subtil arrangierte Erotik des Schweigens, die den Verlust des Selbst als Primat setzt, machen keinen Entwicklungsroman. Eine Zumutung der besonderen Art, irgendwie aber sehr mainstream. Nachzutragen bleibt der Vollständigkeit halbe: Jüngst ist ein Band mit Essays von Siri Hustvedt erschienen.

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