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William Gaddis
J.R.

Goldmann
1999
1030 Seiten
DM 36,-


Von Volker Frick am 14.12.2000

  In dem 1958 erschienenen Roman ‚The Subterraneans’ von Jack Kerouac „... kommt er ..., der blühende erfolgreiche junge Autor aber mit einem ‚ironischen’ Blick und einem großen Strafzettel wegen falschen Parkens an seinem Rockaufschlag, und er wurde von uns dreien mit Eifer bedrängt, an unseren Tisch geholt, zum Reden animiert...“ und er trägt diesen Namen Harold Sand in diesem Roman und das Vorbild heisst im wirklichen Leben William Gaddis. 1922 in Manhattan geboren, wuchs er in Massapequa, Long Island auf, erzogen in calvinistischer Tradition, wuchs auf ohne Vater. Der Geist des abwesenden Vaters wird zur literarischen Vision einer Welt verlassen von Gott eintauchend ins Durcheinander. Schulbesuch in Berlin, Connecticut. Nachwirkungen einer frühen Krankheit halten ihn heraus aus dem World War II. Er studiert, verlässt Harvard 1945 ohne Abschluss, arbeitet als ‚fact checker’ beim ‚New Yorker’, New York, N.Y.: „terribly good training“. Er lernt noch Namenlose wie Burroughs, Ginsberg, Kerouac kennen und begibt sich 1947 auf Wanderschaft. Mexiko, Spanien, Frankreich, Nordafrika.
  1955 erscheint sein erster Roman ‚The Recognitions’ (deutsche Übersetzung unter dem Titel ‚Die Fälscher’). Ein Individuum findet sich in einer Gesellschaft, die sich verliert. Endlose Diskussionen über Kunst und Religion während endloser Parties. Das ganze Personal plagiert, falsifiziert oder diskreditiert den künstlerischen Prozess. Ein ganzes network von Anspielungen, Gesten, Motiven, Referenzen und Zitaten wird eingeführt und in zahllosen Permutationen wiederholt, was dem Leser einiges abverlangt, aber, wenn wir uns orientierungslos fühlen, dann nur analog mit der Verlorenheit der Charaktere dieses Romans. Er erfuhr wenig Kritik im Realismus der 50er Jahre in Übersee.
  Im selben Jahr wie Don DeLillos ‚White Noise’ erschien der Roman ‚Carpenter’s Gothic’ von William Gaddis (1985). ‚Weisses Rauschen’ erreichte Deutschland 1987, ein Jahr später ‚Die Erlöser’. Ist es bei DeLillo die völlig unkontrollierte Warenwelt, die uns den Spiegel des Todes vorhält, so bei Gaddis die Entfremdung durch die totalitäre Kommerzialisierung dessen, was man so Alltagswelt nennt. Um es mit Allen Ginsbergs Worten zu fassen: „Das Kapital vernichtet alles außer sich selber.“
  ‚Geld’ ist das erste Wort des grotesk-satirischen Megaromans ‚J.R.’, der nun nach zwanzig Jahren auf deutsch vorliegt, der als unübersetzbar galt, der von Schriftstellern wie z.B. William H. Gass oder Don DeLillo gelobt wurde. Das narrative Modell ist der Dialog in Extremform (bis auf eine kleine Passage). Keine erzählerischen Erläuterungen. Das Ganze liest sich wie eine Transkription von realen Stimmen, die auf Tonband aufgezeichnet wurden: jenseits von Grammatik, permanent unterbrochen von anderen Stimmen, und sei es denen des Telefons, Radios oder Fernsehens. Der Leser muss sich einlassen, muss sich konzentrieren, muss sich einbringen, oder er nimmt gar nichts mit aus diesem Roman, der sich jeglicher schnellen Zusammenfassung entzieht. Im Mittelpunkt des Romans steht der elfjährige ehrgeizige Schüler J.R., ein moderner Huck Finn, der die korrupte Zivilisation der western world akzeptiert, sich mit verstellter Stimme ans Telefon hängt und innerhalb kürzester Zeit sein Scherflein ins Trockene bringt, ein ganzes papiernes Kapitalimperium erstehen lässt. Die Macht des Geldes, Transaktionen, Geschäftsethik, freie Marktwirtschaft, Verlustabschreibungen, ‚corporate identity’. Es klingelt einem in den Ohren, diese konstante Kakophonie eines Amerikas, das sich selbst verkauft. Entropie ist ein weiteres Konzept dieses Romans. Familien zerbrechen, Künstler begehen Selbstmord, Firmen schliessen, werden aufgekauft, Kinder werden verlassen, coitus interruptus und communication breakdown.
  Dieser Roman ist ein Kunstwerk. Er beschreibt die Barbarei des Kapitals, die fortschreitende Dehumanisierung in diesem apokalyptischen Jahrhundert. Gaddis reflektiert das Chaos in seiner künstlerischen Fiktion, zeigt den Verlust von Humanität, repräsentiert durch seine artistische Perfektion aber auch den einzig möglichen Ausweg aus den entropischen Prozessen, und im Hintergrund immer die Bewusstheit dessen, was Sensibilität, was Humanität ist. Einen sicherlich nicht unwesentlichen Einfluss stellt für William Gaddis das Buch ‚Die Philosophie des Als-Ob’ (1911) von Hans Vaihinger dar („Ich nannte dieses Werk ‚Die Philosophie des Als-Ob’, weil es mir überzeugender als jeder andere Titel das, was ich wollte, auszudrücken schien, nämlich: dieses ‚als ob’, zum Beispiel in puncto äussere Erscheinung, das Bewusst-Falsche spielt in der Wissenschaft, in Weltphilosophien und im Leben eine enorme Rolle.“) Vielleicht hat William Gaddis keinen einzigen optimistischen Knochen in seinem Körper, geschweige in seiner Schreibhand, aber ich hab’ mich weggeschmissen vor Lachen.

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