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Samuel Beckett
Traum von mehr bis minder schönen Frauen

Suhrkamp
1998
316 Seiten
DM 18,90


Von Volker Frick am 13.12.2000

  Also, die Fachwelt buchte bis dato den Roman unter ‚literarischer Großversuch’, Attribut ‚unvollendet’. Da aber noch immer das Wort des 1971 frei und willig aus dem Leben geschiedenen Schriftstellers B.S. Johnson gilt – „It’s impossible to appreciate Beckett’s later work without reference to the earlier, without following his development: like Joyce, he should be read in chronological order.” – ist dieser Roman dann doch eigentlich weit über die Fachwelt hinausgehend von einer, wie sie sagen würde, nicht unerheblichen Relevanz. So sah das aus. Jugend und Feuerwerk von Bildern, hoffend, der leere Hintergrund würde sichtbar. Zu jener Zeit, da Samuel Barclay Beckett diesen Roman schrieb, hatte er Rimbaud übersetzt und auch die Surrealisten waren nicht fern, und Joyce verlor sein Augenlicht. Zu jener Zeit waren da die Schöne Peggy, ‚everybody’s darling’ und Cousine von Sam, die mit ihrer Familie in Kassel lebte, und die Familienbande, die alles untersagte. Da war die Pendelstation Paris, und dort Lucia, Tochter von Joyce, die ein gespaltenes Auge auf ihn geworfen hatte. Das alles 1931/32.
  „Die reale Gegenwart war eine Plage, weil sie der Fantasie keine Pause gönnte. Ohne so weit gehen zu wollen wie Stendhal, der gesagt – oder jemandem nachgesprochen – hat, dass die beste Musik (was hat der schon von Musik verstanden?) die Musik sei, die nach ein paar Takten unhörbar werde, behaupten wir doch steif und fest (zumindest für die Zwecke dieses Abschnitts), dass der Gegenstand, der vor unseren Augen unsichtbar wird, sozusagen der hellste und beste ist.“ Raymond Federman klassifizierte diesen ersten erhaltenen literarischen Grossversuch Becketts in seinem ‚Essay in Bibliography’ von 1970 als frühe Version von ‚More Pricks Than Kicks’ (dtsch: ‚Mehr Prügel als Flügel’), einer Sammlung von zehn Kurzgeschichten. Auszüge aus diesem Roman erschienen 1932 in der von Eugene Jolas herausgegebenen Zeitschrift ‚transition’ (‚Sedendo et Quiesciendo’) sowie im selben Jahr in der ‚New Review’ (‚Text’). 1965 erschien unter dem Titel ‚John Higgins’ Love-Letter to the Alba’ ein weiterer Auszug im ‚New Durham’. Und tatsächlich entstammen einige wenige Geschichten aus ‚More Pricks...’ dem nun zum ersten Mal auf deutsch vorliegenden Roman. Nun aber diesen Roman als Fragment zu meucheln – ohne erkennbares Kompositionsprinzip, ohne befriedigende Interrelation von Form und Inhalt – hiesse, die Laute beiseite zu legen.
  Der Roman besteht aus drei Kapiteln. Das erste schildert einen kleinen feinen Ausschnitt aus des Belacqua gerufenen Protagonisten Jugend und ist gute 13 Zeilen lang. Das zweite Kapitel ist der Roman, und das letzte Kapitel heisst ‚Und’. Und geschildert, beschrieben werden die Liebesaffären von Belacqua. Sie erinnern sich doch an den Florentiner Lautenbauer gleichen Namens in Dantes ‚Göttlicher Komödie’? In Wien ist die Geliebte die Smeraldina-Rima, in Paris die Syra-Cusa und in Dublin die Alba. Na, geliebte... Ethan MacCarthy, eine Kommilitonin am Trinity College hat für die Alba Vorbild gestanden. Die klavierspielende Peggy Sinclair für die Smeraldina-Rima. Und für die Syra-Cusa Nuala Costello, bei der sich die einzige Kopie der Beckett-Übertragung von ‚Le Bateau ivre’ wiederfand.
  „Die Wirklichkeit des Individuums (...) ist eine zusammenhanglose Wirklichkeit und muss zusammenhanglos ausgedrückt werden.“ Aber ganz so wild dann doch nicht, aber immerhin schön frivol mit Masturbation und Vergewaltigung (Belacquas!!!) und feuchten Träumen und einer wunderschön katastrophalen Silvesterparty. Belacqua nimmt sehr zweideutige Haltungen Frauen gegenüber ein. Und der Erzähler-Autor, ja, er taucht auch auf: Mr. Beckett, wütend gegen die Zwänge der Erzählermethode, auf dem Weg pikarischer Unrast, ohne Ziel und Hoffnung, aber auch ohne Verzweiflung, ganz Stilparodist mit ironischer Grundhaltung, ganz souveräner Erzähler, der dann doch wieder in eine unbeholfene Sprache verfällt, sich einen Dreck um kausale Verknüpfungen oder gar Motive kümmert, hie ein bisserl philosophische Theorie, dort ein wenig literarische Kritik – „Balzac lesen heißt, den Eindruck einer chloroformierten Welt empfangen.“ – in toto die reine Bewegung als Ausdruck des desorientierten Menschen. Und was sagt uns das? „Das Erleben meines Lesers soll sich zwischen den Ausdrücken ereignen, im Schweigen, übermittelt in den Pausen, nicht den Worten der Aussage, zwischen den Blumen, die nicht koexistieren können, den antithetischen (nichts so einfach wie das Antithetische) Wortjahreszeiten; sein Erleben soll die Menetekel, das Mirakel, das Memorandum einer unaussprechlichen Gedankenübertragung sein.“
  Beckett himself schrieb in einem Brief an George Reavey vom 8.10.1932: „Das mit dem Roman wird nichts. Shattupon & Windup fanden ihn großartig, konnten aber nicht. Konnten einfach nicht! Das Hogarth Private Lunatic Asylum lehnte ihn in der Art ab, wie ‚Punch’ ihn ablehnen würde. Cape war ecoueuere (sic) in Pfeife und Strickjacke, und sein Aberdeen-Terrier war ganz seiner Meinung. Grayson hat das Manuskript verloren oder sich damit abgewischt. Tritt in die Eier. Alles Wichser in der Curzon St.66, W.1.“ Er selbst nun war seinem Roman sicherlich nicht ganz so abgeneigt, zumindest wenn wir Walter Draffin in der Geschichte ‚So ein Pech’ aus ‚More Pricks...’ lauschen: „Was dieser italienisierende Ire an Bildern wecken konnte, war außerordentlich, und wenn Walters Traumgesicht von schönen bis passablen Frauen, (...) jemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt, und das wird ihm zufolge unweigerlich der Fall sein, sollten wir nicht verfehlen, es uns zu besorgen und immerhin hineinzuschnuppern.“

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