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David Robinson
Saving Graces
Images of Women in European Cenetries

W. W. Norton & Company
1995
114 Seiten
$ 15,95


Von Volker Frick am 12.12.2000

  Die Zelebration von Erotik in der meditativen Stille des Friedhofs. Individuelle Kompositionen der Sterblichkeit, Skulpturen, versteinerte Grazien. Der Tod ist ein lebenslanger Trip. Im Jahre 1807 öffnete der Père Lachaise in Paris seine Pforten. Einer der ersten modernen Friedhöfe, auf denen der Bruch mit der Vergangenheit sichtbar wird, auf denen sich die Trauer der Kontrolle der Kirche entzog und sich einen freieren Ausdruck gestattete. Es war. Es wird nie wieder sein. Erinnere dich. Das Geheimnis des Lebens ist, den Tod zu vergessen. Das Geheimnis des Todes ist, es zu begleiten wie ein Schatten. Skulpturen, erotische Verkörperungen einer ritualisierten Trauer.
  David Robinson, Fotograf, kein Unbekannter – ‚a kind of detective’ schreibt Joyce Carol Oates im Vorwort, und fragt ‚Who are these beautiful women? – whom are they mourning? – what is their symbolic significance?’ Beantworte ein Rätsel mit einem Stein. Existierende Arbeiten der Kunst. Nostra Signora Morte. Skulpturen, Frauen. Sie sind extrem, sie sind romantisch. Sie sind spärlich bekleidet, andere nackt. Frauen, die einer anderen Zeit zu entstammen scheinen, der Dimension mythologischer Erfahrung. Ich erinnere mich an eine frühen Zeile eines Gedichtes von Cesare Pavese: ‚Es wird kommen der Tod und deine Augen haben’. Traurig-sinnlich in den grobgehauenen Stein einfliessende Schöne, die Fackel gesenkt, die Stirn in einer Hand vergraben, verträumt umschlungen eine Harfe. Oder die Hände vor das Gesicht geschlagen. Lebensecht, idealisiert und symbolisch, inneres Erleben oder die Teilhabe am Tod. Verwittert der Kuss des Engels, ‚denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit’ ... oder der Fotograf: ‚...the Saving Graces give the cities of the dead an aspect of life.’ Marmor, Stein, Eisen. Meist Fotos vom Père Lachaise in Paris, Villenvorort der Toten (hier liegen u.a. die Gebeine von Balzac, Molière, Proust, Cocteau, Radiguet, Wilde, Apollinaire, Eluard, Gertrude Stein, Gérard de Nerval, der zu einem Kollegen sprach ‚Sie sollten streng darauf achten, im liegenden Zustand zu sterben’, und sich dann erhängte... Ludwig Börne und Armand Sully-Prudhomme, der erste Literaturnobelpreisträger. Daumier, Doré, Ingres, Seurat, Pissarro, Géricault, Delacroix, Modigliani. Die Piaf und die Colette : ‘Der Tod interessiert mich nicht. Nicht einmal mein eigener.’ Chopin, Rossini, Bizet, Sarah Bernhardt und Isadora Duncan), und weiteren Friedhöfen in Paris, und London, Milano, Genova, Wien und Budapest.
  Diese Fotografien frieren einen Augenblick der Ewigkeit ein, machen lesbar, was diese Skulpturen ausserhalb der Bedeutung artikulieren. Baudelaires Forderung an die Fotografie – ‚Sie muss ... zu ihrer eigentlichen Pflicht zurückkehren, die darin besteht, der Wissenschaften und der Künste Dienerin zu sein’ – wird hier mit leichter Hand erfüllt. Souverän und sehr seriös.

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