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Mohammed Mrabet
Dollars und Schokolade

DM 37,-


Von Volker Frick am 12.12.2000

  Mohammed ben Chaib el Hajjam ist in diesen nordischen Breitengraden eher bekannt unter dem Namen Mohammed Mrabet, geboren am 25. März 1940 in Tanger, Marokko, Sohn von Chaib und Rahma bent Bouchta (Tuzani) el Hajjam, seit 1964 verheiratet mit Zohra bent Ali ben Allal und Vater von vier Kindern: Mohammed Larbi, Hadija, Ahmed und Aicha. 1967 beginnt seine schriftstellerische Karriere, kurz nachdem er das Künstlerehepaar Jane und Paul Bowles kennengelernt hatte. Mohammed Mrabets nun vorliegendes Buch ‚Dollars und Schokolade’ erschien im Original 1992 bei ‚Inandout Press’, New York, und ist nach bisher sieben Büchern sein jüngstes Werk auf dem deutschen Buchmarkt. Und auch hier findet sich wieder die Konfrontation der Kulturen, erzählt in stilistischer Einfachheit. In seinen bisherigen Büchern entwickelten die jeweiligen Protagonisten einen Hauch von Rebellion gegen ignorante Traditionen, welche sie von den westlichen Errungenschaften, so wie sie sie wahrnahmen, fernhielten. Aber Mohammed Mrabet ist als Erzähler von Kif-Geschichten lanciert worden, darob natürlich bar jeglicher Reputation. Schade eigentlich.
  Zweitausend und eine Nacht, aber erzählen. Geschichten des Lebens und Geschichten davon, wie das Leben so spielt, denn das Leben erzählt die besten Geschichten, also ist alle Literatur Leben? In dieser Erzählung ist das eigene Leben die Matrix dessen, an dem wir in der Lektüre teilhaben. Strikte Moral und lockere Promiskuität sind keine Gegensätze, so es auch nicht nötig ist, Widerspruch zu erheben. Die Sprache ist einfach, aber lesen lernen weniger. Mrabet greift nicht zurück auf Traditionen des Erzählens, er schöpft erschöpfend aus einem reichen Leben. So wird in dieser durchaus als autobiographisch zu kennzeichnenden Erzählung jegliche Chronologie der zugrundegelegten Matrix in den Ozean geworfen, das Netz wieder eingeholt, und was sich dort verfangen hat, ist beachtlich. ‚Ein Junge lebte in Asilah, und folglich war er arm.’ Aber dann kommt der reiche Amerikaner Mr. Hapkin, der sich von diesem Jungen namens Driss ein Haus herrichten lässt, um es dann zu verlassen und seine Freunde vorbeizuschicken. Er gibt Driss Geld, neben Kost und Logis, und dieser fühlt sich wohl, denn auch die Besucher lassen Schecks da. Mit fast allen Frauen schläft er, holt seine ‚sebsi’, raucht, erzählt Geschichten, geht in sein Zimmer, holt das Tonbandgerät hervor, und spricht auf Band, was er erlebt hat. Jeden Morgen ist er als erster auf und bereitet das Frühstück zu, fährt nach Tanger und bringt das Geld zur Bank, kauft sich ein grösseres Fischerboot, denn er ist Fischer, genauer: Muschelsammler, lernt Zohra kennen, schläft mit einer Frau, raucht seine ‚sebsi’, kocht Tee, bereitet das Essen. Ein neuer Gast, der das Haus auf den Kopf stellt, es ruiniert (Mauerdurchbrüche), Mr. Hapkins Freund Alphren, ein schwieriger Fall. Driss kauft sich ein Haus, lässt sich von einem Nachbarn ein Telegramm vorlesen, Mr. Hapkin ist sehr krank, dann wird Driss selber krank. („Diese Art zu leben ist unmöglich, sagte er zu sich selbst.“) Zohra besucht ihn, er kauft eine Barkasse, Mr. Hapkin stirbt, Alphren bringt sich mit Tabletten um („Natürlich. Typisch Nazarener. Wenn sie keine Tabletten nehmen, dann hängen sie sich auf oder machen es mit Gas“), und Driss spricht auf Band, was er erlebt („Ich habe mein Buch fertig, sagte er zu Zohra“). Nicht der Marokkaner ist entfremdet, sondern der Amerikaner, der ihn nicht versteht. Soweit sehr gut. Vielleicht unnötig, eine Frage von Keith Richard zu paraphrasieren ‚Who the fuck is Paul Bowles?’, aber Bowles war es ja, der die gesprochenen Geschichten von Mrabet mitschnitt, transkribierte und vor nun 25 Jahren doch den Vorwurf Tahar Ben Jellouns lesen musste, er hätte Mohammed Mrabet erfunden!
  Ich las jüngst, dass die Gebeine von Jane Bowles, die zur selben Zeit in Malaga in einer psychiatrischen Klinik starb, einer Autobahn weichen sollen, und, by the way, mal angenommen, ich sitze in einem Beach Café in Tanger und höre plötzlich eine Stimme, die mich fragt ‚Tu veux bronzer ton tête?’ Er bewegt sich von Szene zu Szene, Jahr zu Jahr, mit ganz besonderer Geschwindigkeit. ‚Dollars und Schokolade’. Eine ‚sebsi’ ist eine Pfeife, und Schokolade eine Umschreibung dessen, was man sich einpfeift. Mit obligatorischem anderthalbseitigem Glossar, aber Mrabet hat immer den letzten Lacher, und so ist unsere Katharsis merkwürdig unvollständig. „Er setzte sich zum Rauchen und wurde nachdenklich. Zohra sass neben ihm. Er legte den Kopf in ihren Schoss. Sie begann leise zu singen. Als das Lied zu Ende war, sah sie, dass es gewirkt hatte. Er war eingeschlafen.“

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