Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Rüdiger Fischer (Auswahl u. Übersetzung)
Encore une journée/ Ein weiterer Tag
Anthologie französischsprachiger Gedichte aus Belgien


Von Volker Frick am 12.12.2000

  Zum ersten Mal wohl eine Anthologie, in welcher die Beiträge den Namen der Autoren und Autorinnen sich unterwerfen: in alphabetical order! Das war die erste Verwunderung. Ein guter Einstieg. Wir blättern in Büchern, der Blick wird eingefangen, wieder und wieder. Dann lesen wir ein Gedicht – und wann tun wir das schon. Und dann lesen wir noch eines und noch eines, wir können gar nicht aufhören Gedichte zu lesen. Sie sprechen uns an. Was sagt man da? ‚Schönen, guten Tag’. Nein, das Zauberwort heisst ‚bitte’, und wir wissen, was man da sagt...
  Sechzehn Schreibende suchen einen Rezensenten, und alle tragen Namen, von denen nicht ein einziger dem Rezensenten etwas sagt. Nun, von zwei Autoren gibt es jeweils ein Buch in deutscher Übertragung, von denen jedoch nur eines in der angefügten Bibliogaphie erwähnt wird, welche wiederum jedoch mit der Quantität der Publikationen der Auserwählten schon mehr als nur in Erstaunen versetzt.
  Albert Ayguesparse: ‚Gruß dir, beständig neue Welt, denn/ Ewig ist alles, was vergänglich ist’. William Cliff schreibt ‚nachher muß ich den Müll auflesen/ und gut vergraben, um standzuhalten/ bis zu meinem eigenen Verwesen’. Naturschönes nun schon auch, aber im Blick von Menschen dieses ersten Jahrhunderts der Weltkriege. Anne-Marie Derèse schreibt ‚Wir sind Getöse/ der Welt/ in unserem Zimmer/ mit verschlossenen Türen’ oder an anderer Stelle dann schon präziser die Bestimmung dessen, was man da treibt: ‚Plötzlich erkenne ich dich/ am Schmerz, der mir seine Ehre erweist’. Und Jacqueline Hertay brennt klar folgendes auf’s Papier: ‚der Schnee entzündet/ seine blauen Schatten/ seine Splitter der Stille/ dann nichts mehr/ nichts mehr zu sagen/ nur noch zu schauen/ unendlich weiter/ reicht der Blick/ als die Lampe der Wörter’. Blättert man diese zweisprachige Anthologie nicht nur durch, werden nach und nach Bezüge offensichtlich, hie Einflüsse von William C. Williams, da die goetheanische Parallelschaltung von Seele und Natur, im Hintergrund flirrt Rimbaud und anderes. Jacques Izoard schreibt ‚Wir haben letztendlich/ nur die Haut der Hände,/ die anderen zu berühren’. Und Philippe Jones hatte wohl diesen Satz von Pessoa im Kopf (‚Der Tod ist eine Kurve am Ende der Strasse’) als er den ‚Highway Blues’ schrieb. Aber er schreibt doch auch ‚man wartet auf die Farbe/ einer Spur und des Klangs/ von Worten mit Bedeutung’. In der Mitte dieses kleinen feinen Buches treffen wir Mimy Kinet: ‚Nichts wird dich/ vor dir retten können’. Sprache und Poesie bieten uns die Möglichkeit immerwährender Auslegung. Poesie, sinnlich par excellence, der Malerei und Musik verwandt, oder, wenn es erlaubt ist einen Satz von Schopenhauer zu paraphrasieren: Poesie ist die Welt noch einmal in gleicher Weise. Poesie eröffnet einen unmittelbaren Zugang zur Welt, nicht durch Worte, sondern vielmehr durch die Zwischenräume, Pausen, Evokationen. Werner Lambersy („Auch wenn mein Herz dem grollt“, 1988) tritt an und bringt ‚die Alten/ zur Nutzlosigkeit verdammt/ die Jugend/ zum lärmenden Vergessen/ zur stummen Unterwerfung gehorsam dem Geld’ und anderes auf den Punkt. Von Colette Nys-Mazure nur diese Zeile: ‚Gestern war das Wagnis des Frühlings’.
  Vertreten sind in dieser Anthologie auch Andrée Sodenkamp und Mme Liliane Wouters, die immerhin selbst eine vierbändige Anthologie der frankophonen Poesie Belgiens herausgegeben hat, zusammen mit Alain Bosquet. Yves Namur nun („Das Buch der sieben Pforten“, 1995) ist noch am nächsten, wenn er schreibt ‚Das Wort/ Schafft einen leeren/ Raum,// Eine Bleibe,/ Eine dauerhafte Bleibe’. Was aber auch bleibt, ist das ganze Theater der Abwesenheit, diese Sakralbauten, die Frage nach der Identität der Sprache in der Sprache der Identität. Wiedergefundene Poesie, neue Poesie: „Ein weiterer Tag“.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.