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Emmanuel Bove
Die Falle

Suhrkamp
1999
193 Seiten
DM 15,-


Von Volker Frick am 11.12.2000

  1898 wurde Emmanuel Bove geboren. Vor dem historischen Ambiente der Besetzung Frankreichs durch Deutschland wird der Fall Joseph Bridet verhandelt. Kurz, er möchte gerne nach England, er möchte nur raus da. Na, das setzt Behördengänge oder Freunde voraus oder Freunde in den Behörden. Nun, unser Protagonist spielt das alles in seinem Kopf durch.
  Natürlich ist da die Aussenwelt, natürlich ist da der Apparat, aber alles ist unsicher, welches Wort zu welchem Zeitpunkt, und natürlich war es das falsche Wort, und so treibt Joseph Bridet und mit ihm der Erzähler unsere Wenigkeit durch die Untiefen permanenter Reflektion, die interne Logik eines nur subjektiven Zyklus, den zelebrierten Cerebral-Abstieg. Die Ratte im Käfig, die totalitäre Imagination eines Vereinzelten, der die Wörter der Vivisektion unterzieht, in permanenter Interpretation sich selbst entledigend. „Wo man auch hinging, man fühlte sich von einer immer zahlreicher auftretenden Polizei erdrückt. Zu jedem Polizisten kam ein weiterer, manchmal sogar in Zivil, der in seiner Eile, den Dienst anzutreten, nicht abgewartet hatte, bis man ihm eine Uniform gab.“
  Das Schachbrett eines Lebens, dessen Spielstand buchhalterisch notiert wird und jedes Spiel enthält die Idee des Todes. Beckett rühmte ihn, Rilke liess ihn grüssen und lernte ihn kennen. Poesie gewordene Prosa verwandelt Wirklichkeit. Und natürlich auch Dialog. „Das Gefühl nicht nach draussen fliehen zu können, überall an einem Ort zu sein, wo man ihn nach seinen Papieren fragen konnte, war ihm äusserst unangenehm. ‚Dabei ist mit mir doch alles in Ordnung’, dachte er.“
  Dann aber ist Joseph Bridet just bei der Morgentoilette, es klingelt und natürlich öffnet seine Frau die Tür. Da stehen dann zwei und sagen ‚Haftbefehl!’ In gepflegter mittelmässiger Unterwäsche steht er hinter der Tür und lauscht. Kein Gedanke mehr an England. Jetzt muss es schnell gehen. Neurose der Freiheit: alles ist möglich, nur man selbst ist unmöglich. Die Verschwörung ist der heimliche Zerstörer im Schleier unvernebelter Worte. Die Ratte im Käfig. Der richtige Zeitpunkt ist immer gerade mal nebenan.
 
  Anyway, winterliche Sommerlektüre, genau dann, wenn man eigentlich keine Lust hat, im Sterben liegt, das Ozonloch seiner eigenen Verwesung beiträgig werden lässt, na, lesen geht noch ganz gut. Und Nebenwirkungen gibt’s immer. Ein russischer Anarchist trifft ein luxemburgisches Dienstmädchen. Am 13. Juli 1945 schrieb Dr. Louis Pictet: „Monsieur Emmanuel Bove verstarb heute morgen gegen 8 Uhr an Auszehrung und Herzversagen, das durch eine Serie äusserst heftiger Sumpffieberanfälle herbeigeführt wurde.“
  Und unser Protagonist? Nun, der Ausgang wird nicht verraten. Die Falle. Zu unserem Erzähler ist jüngst eine Biographie erschienen. Walter von Rossum schrieb 1984 (!) im ‚Merkur’: „... Bove ist der Seismograph einer unsichtbaren Grund- und Hauptbelastung unseres Lebens: Der lautlose Kampf um Orientierung, das Ringen mit den Spielregeln, die nirgends stehen, die aber eingebrannt sind in unsere Angst, sie zu verletzen, in die Angst, aus dem angenehmen Nichts in das elende Nichts zurückzufallen.“
  Und: Sie, falls Sie nun Bove noch so gar nicht kennen, dann nehmen Sie, und damit endet’s: „Meine Freunde“.

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