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Sándor Márai
Bekenntnisse eines Bürgers

Piper
2000
416 Seiten
DM 19,90


Von Claudine Borries am 09.12.2000

  Sándor Márai, Jahrgang 1900, hat die vorliegenden Erinnerungen bereits 1934 in Budapest veröffentlicht. Im Vorwort wird die Authentizität der Personen als nicht bestimmbar angegeben. Es sei eine "Romanbiographie", die handelnden Personen nur in dem Roman beheimatet.
  Beim Lesen wird uns klar, dass dieses eine sehr echte und wohl kaum erfundene Biographie sein muss. Die Erinnerungen reihen sich ein in die unvergleichlichen Schilderungen anderer Autoren, wie beispielsweise Stefan Zweig, Canetti, Sperber, u.a., die ein lebendiges und farbiges Bild einer Jugend um die Jahrhundertwende 1900 gegeben haben. Die Atmosphäre, die Stimmungen, die in den Familien herrschte, dazu die Lebensregeln, die gesellschaftlichen und familiären Bindungen, werden mit tiefer Erkenntnis auch um die inneren Brüchigkeiten und Verbildungen beschrieben.
 
  Sándor Márai wächst zunächst nach dem tragischen Tod seiner um zwei Jahre jüngeren Schwester als verwöhntes Einzelkind seiner sehr liebevollen Mutter heran. Von ihr gibt er ein Bild, wie es nicht schöner beschrieben werden kann. Sie kann spielen und sich ganz in die Welt der Kinder hineinversetzen. Darüber hinaus versteht sie es, die häusliche Welt so zu gestalten, dass es eine freudige und Geborgenheit vermittelnde Umgebung für den heranwachsenden Jungen bedeutet.
  Nach der Geburt einer weiteren Schwester und später in großem Abstand noch zweier Brüdern bricht diese heile Welt der Einzigartigkeit für den Jungen Márai zusammen. Nicht nur Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen und ihre Charaktere werden hervorragend und bildhaft beschrieben. Es ist die Schule, es sind die Lehrer, Mitschüler, Orte und Stimmungen, in deren Bann wir gezogen werden.
  Seine Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit ist dramatisch und erschreckend: er kommt im Alter von 14 Jahren wegen Fehlverhaltens zu Hause in eine Erziehungsanstalt. Dort scheint die Inkarnation schwarzer Pädagogik mit allen ihren Schrecken und Grausamkeiten zu herrschen. Dem sensiblen und sich unverstanden fühlenden Jungen werden hier die letzten Illusionen über das Menschsein geraubt. Seine schon vorhandenen
 Gefühle von Einsamkeit und Isolation nehmen ihren Fortgang.
 
  Márai versteht es, uns teilnehmen zu lassen an seinen inneren Zweifeln, seinen Veränderungen, seinen Irrtümern und seinen Kümmernissen. Es ist sein schwieriger, zweifelnder und unruhiger Charakter, der sich uns
 in seinen Erinnerungen offenbart. So nehmen wir teil an einer vergangenen Welt, in der andere Bedingungen,
 andere Regeln und Lebensformen das Leben der Menschen einengte und bestimmte.
 
  Der zweite Teil beginnt unvermittelt und übergangslos mit der Bahnfahrt aus Berlin nach Paris. Er ist 23 Jahre alt und befindet sich in Begleitung seiner ebenso jungen Frau auf dieser Reise. Die so farbigen Schilderungen über die Kindheit und frühe Jugend sind verschwunden. Eine mühsame und von Alltagssorgen, mangelndem Gelderwerb gezeichnete Welt tut sich nun auf. Es ist die unruhige, von Inflation, Arbeitslosigkeit, aber vielen
 Begegnungen mit den Künstlern der zwanziger Jahre im Berlin des 20. Jahrhunderts und später Paris geprägte Welt. Er und seine Frau leben von der Hand in den Mund. Er beginnt zu trinken. Dann fängt er sich wieder und lebt von Zeitungsartikeln, die er verfasst. Sein Leben im Wechsel von einem Land zum anderen ist bekannt. Er wird nie wieder wirklich irgendwo heimisch werden.
  Faszinierend sind allemal die psychologischen Einsichten und Weitblicke, die zu allen, auch den heutigen Zeiten, Gültigkeit besitzen. Ein schönes und empfehlenswertes Buch.

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