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Franz Kafka
Ein Käfig ging einen Vogel suchen
Komisches und Groteskes

Wagenbach
2018
144 Seiten
ISBN-13: 978-3803113351
€ 18,-


Von Hans Durrer am 18.01.2019

  Verleger Klaus Wagenbach, dem dieser elegante, gut in der Hand liegende Band zu verdanken ist, störte sich schon lange an dem gängigen Kafka-Bild. „Der Brodsche Kafka, der philosophische, der heilige, war mir suspekt. Anders als sein Freund Max Brod habe ich Kafka immer als durchaus geerdeten Schriftsteller gesehen.“ Wagenbach, Jahrgang 1930, promovierte über die Jugendzeit Kafkas, hat sich also eingehender mit dem Versicherungsjuristen aus Prag auseinandergesetzt als viele, was selbstverständlich nicht heisst, dass er Kafka richtig und Brod ihn falsch gesehen hat (eine Dissertation ist selten mehr als der Ausweis, dass man den Doktorvater nicht vor den Kopf gestossen hat, also das herrschende akademische Denksystem akzeptiert), es heisst nur, dass er anders gewichtet und, jedenfalls in diesem Band, Überraschendes aufzeigt. Wobei das in meinem Fall keine grosse Kunst ist – ich erinnere mich an fast gar nichts von meiner jugendlichen Kafka-Lektüre, geblieben sind mir nur ein paar beklemmende Gefühle.
 
  Klaus Wagenbachs Vorbemerkung ist zwar kurz, doch informativ und anregend. Unter anderem weist er darauf hin, dass Kafka es versteht, althergebrachte Gewissheiten der Lächerlichkeit preiszugeben. Und das charakterisiert so recht eigentlich diesen Band.
 
  Die ausgewählten Texte sind ganz unterschiedlich in Länge und Inhalt. Auf zwei, die mich ganz besonders angesprochen haben, will ich kurz eingehen. „Der grosse Lacher“ und „Ein Bericht für eine Akademie“.
 
  „Der grosse Lacher“ beginnt mit einem Satz, der geeigneter nicht sein könnte, um eine Geschichte mit einem solchen Titel einzuleiten. „Ich kann auch lachen, Felice, zweifle nicht daran, ich bin sogar als grosser Lacher bekannt, doch war ich in dieser Hinsicht früher viel närrischer als jetzt.“
 Worauf er von einer Veranstaltung des Präsidenten berichtet, bei der er zusammen mit zwei Kollegen zugegen war. „Er hat ein so leeres hitziges Temperament, ist imstande, von allen anerkannte, Behauptungen leidenschaftlich endlos zu vertreten und die Langweile dieser Reden wäre ohne das Lächerliche und Sympathische unerträglich.“ Der Erzähler kann sich das Lachen bei dieser Rede nicht verkneifen – was am Anfang noch als Hüsteln hätte durchgehen können entwickelt sich zu einem immer grösseren und heftigeren Lachen bis ... doch hier soll nicht die ganze Geschichte wiedergegeben, sondern angeregt werden, sie zu lesen ... Mich gemahnte dieses ganz wunderbar erzählte Stück Prosa an Hans Christian Andersens 'Des Kaiser neue Kleider' ...
 
  Apropos erste Sätze. Auch die zweite Geschichte mit dem schönen Titel „Flaneure, Bauernfänger und Grossstadterscheinungen“ beginnt höchst gelungen: „Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend in die Öffnung des Thores trat sah er, dass es regnete. Es regnete wenig.“
 
  „Ein Bericht an die Akademie“ handelt von einem Affen mit Namen Rotpeter, der, eingefangen von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck, vor einer nicht näher bezeichneten Akademie einen Bericht über sein äffisches Vorleben einreichen soll. Stattdessen erzählt er von seiner Anstrengung, ein Mensch zu werden. Und sieht sich dann vor die Frage gestellt, ob er in den Zoo oder ins Varieté will. Ein cleverer Text, der unter anderem klar macht, dass wer sein Herkommen und seine frühesten Jahre nicht vergisst, nur schwer (wenn überhaupt) ein anderer werden kann und gleichzeitig darauf hinweist, dass wir unserer Natur/unserem Schicksal nicht entgehen können. „Aber Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand – nun, so hörte ich auf, ein Affe zu sein. Ein klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt haben muss, denn Affen denken mit dem Bauch.“
 
  „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ ist ein sehr schön zusammengestellter Band – lehrreich, Augen öffnend und Horizont erweiternd.

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