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James Lee Burke
Dunkler Sommer
(The Jealous Kind)

Heyne
2018
Übersetzt von Daniel Müller
560 Seiten
ISBN-13: 9783453271340
€ 18,-


Von Hans Durrer am 26.11.2018

  Texas im Jahr 1952: Die Gesellschaft ist tief gespalten. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Rassismus ist allgegenwärtig. Genau wie heute, denkt man da. Und in der Tat sind die menschlichen Konflikte und Probleme nicht sehr verschieden von den heutigen. Andererseits: die Ausprägungen des Rassismus haben sich schon auch gewandelt, eine solche Szene ist heutzutage jedenfalls kaum mehr vorstellbar. „Die einzigen Repräsentanten gesellschaftlicher Autorität waren ein paar schwarze Polizeibeamte, denen es allerdings untersagt war, Weisse zu verhaften.“
 
  In diesem angespannten Klima sucht der junge Aaron Holland Broussard seinen Platz im Leben. Dabei – der Auslöser ist eine junge Frau – macht er sich Gary Harrelson zum Feind, den Sohn eines reichen Bohrunternehmers mit Verbindungen zur Mafia. Drohungen, Einschüchterungen, Gewalt, was eben so in Texas dazuzugehören scheint, spielen eine wichtige Rolle. Doch ist das nicht überall so, wo Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität sind?
 
  „Dunkler Sommer“ beschäftigt sich mit ganz unterschiedlichen Aspekten des Lebens. Mit sozialer Ungerechtigkeit und Antisemitismus sowie der Mutter von Aaron, die immer mehr dem Wahnsinn verfällt und den pädophilen Mr. Krauser zur Rechenschaft zieht. „Möglich, dass er von Zwängen getrieben wurde, die er nicht verstand. Wie immer dem auch gewesen sein mag, ich empfand kein Mitleid für ihn. Er benutzte seine Position, um andere zu demütigen und herabzusetzen, um sie zu beschämen und Selbsthass in ihnen zu säen. Für mich gab es keinen niedrigere Lebensform auf Erden als diese, noch nicht einmal Drogendealer und Zuhälter waren derart erbärmlich.“
 
  James Lee Burkes Bücher zeichnen sich durch ihre zutiefst menschliche Haltung aus. Als Aaron mit einem Klappmesser nach Hause kommt, stellt sein Vater ihn zur Rede.
  „Du legst das Messer jetzt ins Regal. Es wird dieses Zimmer nicht mehr verlassen.“
  „Ja, Sir.“
  „Worüber sprechen die Priester in unserer Kirche für gewöhnlich, wenn sie sich zum Thema Sünde äussern?“
  „Sex.“
  „Richtig. Den Krieg oder Gewalt im Allgemeinen erwähnen sie dabei so gut wie nie. Tatsächlich ist aber genau das der wahre Feind, zusammen mit der Gier, natürlich. Lass dir von niemandem etwas anderes erzählen. Ein Mann, der ein Messer wie dieses bei sich trägt, ist ein von Angst getriebener Mensch.“
 
  Das Bild, das wir gemeinhin von den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts haben, ist von den Medien geprägt, also falsch. „Niemand hörte Frank Sinatra oder Bing Crosby oder Perry Como. Deren Musik fanden wir einfach nur mies.“ Ich musste an ABBA denken, die in den 70ern und 80ern auch keiner hörte, den ich kannte, die aber heute als typischer Ausdruck jener Zeit gelten. „Und Politik! Was war das? Mein Vater meinte mal, Senator McCarthy verfüge über die Herzenswärme und den geistigen Tiefgang einer Bowlingkugel, worauf Saber ihn fragte, wer Senator McCarthy sei. Das eigentliche Thema dieser Zeit war der Klassenkampf. Wir mussten nur nicht, dass wir mittendrin waren.“ Genau wie heute!
 
  James Lee Burke kennt die Menschen. „Der heilige Augustinus hatte gemeint, dass man mit der Wahrheit achtgeben sollte, um andere nicht zu verletzen. Und ich glaube, er hat es nicht einfach so dahergesagt.“ Es sind solche Sätze, die mir diesen Autor so wertvoll machen. Ich will sie nicht einfach überlesen, nehme mir Zeit für sie und dabei geht mir wieder einmal auf, dass die Wahrheit zu sagen, ohne Empathie zu empfinden, ein hoch aggressiver Akt ist. Erinnert werde ich zudem daran, dass einfach so Dahingesagtes keinen grossen Wert hat – und natürlich kommt mir sofort der gegenwärtige amerikanische Präsident in den Sinn, bei dem der Denkvorgang, der dem Sprechen vorausgehen sollte, entweder nicht funktioniert oder ausgeschaltet worden ist.

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