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Nassim Nicholas Taleb
Das Risiko und sein Preis
Skin in the Game

Penguin Verlag
2018
Übersetzt von Susanne Held
384 Seiten
ISBN-13: 9783328600268
€ 26,-


Von Hans Durrer am 10.10.2018

  Nassim Nicholas Taleb, geboren im Libanon, Finanzmathematiker, philosophischer Essayist in den Bereichen Risiko und Zufall, sei einer der unkonventionellsten Denker der Gegenwart, lässt der Verlag wissen. Das ist natürlich möglich, doch wie man so etwas wissen oder messen kann, ist mir schleierhaft. Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass der Mann ein erfolgreicher Autor ist. Seine Sachbücher, darunter „Der schwarze Schwan“ und „Antifragilität“ wurden in 33 Sprachen übersetzt. Offenbar ist das Begriffspaar „unkonventionell“ und „Erfolg“ viel kompatibler als ich mir das vorgestellt hatte.
 
  Nassim Nicholas Taleb neuestes Werk, „Das Risiko und sein Preis“, hat schon nach den ersten paar Seiten meine vollste Sympathie. Nicht, weil seine Aussagen so wahnsinnig unkonventionell sind (andererseits: in seinen Kreisen sind sie es vielleicht), sondern weil er überzeugend darlegt, dass der gesunde Menschenverstand eher die Ausnahme als die Regel ist. Und weil seine Kernaussage, dass wer seine eigene Haut nicht riskiert, nicht viel mehr als ein billiger Schwätzer ist, vorbehaltslos zustimme.
 
  Es gab einmal eine Zeit, da zeichnete sich eine Person dadurch aus, dass sie mit gutem Beispiel vorausging, eine Zeit, in welcher wahre Könige wussten, was sie ihrem Amt schuldig sind und an vorderster Front in die Schlacht zogen. „Selbst heute noch leiten Monarchen ihre Legitimität von einem Sozialvertrag ab, zu dem physische Risikobereitschaft gehört. Die königliche Familie Grossbritanniens sorgte dafür, dass während des Falklandkrieges im Jahre 1982 einer ihrer Sprösslinge, Prinz Andrew, mehr Risiken auf sich nahm als die 'gemeinen Männer'“. Die weltlichen Herrscher sind da anders. Sie vermeiden den Kriegsdienst – man denke etwa an Bill Clinton, George W. Bush und Donald Trump.
 
  Kein persönliches Risiko eingehen, nicht zur Verantwortung gezogen werden, weder fair noch anständig zu handeln, bezeichnet Nassim Nicholas Taleb als die eigentlichen Charakteristika des heutigen Führungspersonals. Einfach nur an den Vorteilen zu partizipieren, ist nicht nur ein zutiefst ungerechtes Modell, es ist auch obszön. Wie kommt es also, dass wir es uns gefallen lassen? Weil, wie der Titel von Kapitel 2 dieses fulminanten Plädoyers fürs Selber-Denken, treffend zusammenfasst: „Der Intoleranteste gewinnt: Die Vorherrschaft der eigensinnigen Minderheit“. Nassim Nicholas Taleb behauptete das nicht einfach, er zeigt es an ganz vielen Beispielen auf, zu denen auch die Konversion Omar Sharifs gehört.
 
  Das Faszinierende an „Das Risiko und sein Preis“ ist, dass da einer nicht Schwarz und Weiss malt, sondern genau hinguckt und nachdenkt, eigenständig und unabhängig. Dass nicht die Mehrheit das Sagen hat, ist, wie das Beispiel der Wissenschaft zeigt, häufig zu begrüssen. „Wenn Sie einmal etwas widerlegt haben, dann ist es von da an falsch. Wenn die Wissenschaft nach dem Prinzip der Zustimmung der Mehrheit vorgegangen wäre, würden wir immer noch im Mittelalter feststecken, und Einstein wäre am Ende seines Lebens nichts anderes gewesen als zu Beginn: ein Patentanwalt, der sich in seiner Freizeit mit fruchtlosen Hobbys abgab.“ (Am Rande: Einstein war technischer Experte 3. Klasse beim Schweizerischen Patentamt in Bern und nicht Patentanwalt).
 
  Nur eben: die Minderheiten-Regel hat auch gravierende Nachteile. Und es versteht sich: mit gewissen intoleranten Minderheiten darf man keineswegs tolerant sein. „Es ist nicht zulässig, 'amerikanische Werte' oder 'westliche Prinzipien' anzuführen, wenn es um den Umgang mit der Intoleranz des Salafismus geht (das anderen Menschen das Recht abspricht, ihre jeweils eigene Religion zu haben). Im Moment ist der Westen dabei, Selbstmord zu begehen.“
 
  Worum es gehen müsste, so Nassim Nicholas Taleb, ist Symmetrie, das heisst, den Schaden zu zahlen, wenn etwas misslingt. „Dieser Gedanke verknüpft Vorstellungen wie Anreize, Gebrauchtwagenkauf, Moral, Vertragstheorie, Lernen (im realen Leben / an der Universität), den kantischen Imperativ, kommunale Macht, Risikowissenschaft, den Kontakt zwischen Intellektuellen und der Wirklichkeit, die Verantwortlichkeit von Bürokraten, probabilistische soziale Gerechtigkeit, Optionstheorie, anständiges Verhalten, Bullshit-Anbieter, Theologie ...“.
 
  Es ist ein intellektuelles Feuerwerk, das Nassim Nicholas Taleb in diesem Buch entfacht. Die alten Griechen, die alten Römer, Fabeln von Ahiqar über Äsop zu La Fontaine, nichts scheint dem Mann fremd. Dabei geht es vordringlich darum, dass viel zu viele Menschen, die auf dieser Welt Macht und Einfluss haben, nicht wirklich den Kopf hinhalten müssen, wenn etwas schiefgeht. Das ist nicht nur störend, es ist brutal und rücksichtslos. Wie es auch anders gehen könnte, erläutert der Autor anhand zahlreicher und ganz unterschiedlicher Beispiele.
 
  Dabei produziert er so wunderbare Merksätze wie „dass Handeln ohne Reden mehr wert ist als Reden ohne Handeln“ oder „Sie werden nie jemanden vollständig davon überzeugen können, dass er sich irrt, das schafft nur die Realität“ oder „Lassen Sie sich nicht von Personen beraten, die davon leben, Ratschläge zu geben, es sei denn, sie haften für die Folgen“.
 
  Und er provoziert, oft und mit Lust: „Wenn Sie einen Rat von einer Grossmutter oder älteren Menschen bekommen, funktioniert dieser Rat mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit. Wenn Sie andererseits etwas von Psychologen und Verhaltenswissenschaftlern lesen, funktioniert das mit einer geringeren als zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit, es sei denn, es wurde auch schon von der Grossmutter und den Klassikern abgedeckt – aber wozu brauchen Sie dann noch einen Psychologen?“
 
  „Das Risiko und sein Preis“ ist intelligente Provokation – anregend und bedenkenswert.

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