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Kent Nerburn
Nicht Wolf Nicht Hund
Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer
(Neither Wolf Nor Dog. On Forgotten Roads with an Indian Elder)

C. H. Beck
2018
Übersetzt von Sky Nonhoff
349 Seiten
ISBN-13: 978-3406724985
€ 24,95


Von Hans Durrer am 27.08.2018

  Kent Nerburn, Ethnologe und Theologe, arbeitete zuerst als Bildhauer, bevor er über die Arbeit an einem 'Oral History'-Projekt in der Red Lake Ojibwe Reservation (in Minnesota) zum Schreiben kam. Und dabei auch dies gelernt hatte: „Ich würde ein für alle Mal damit aufhören, meine indianischen Brüder und Schwestern als Rollenmodelle anzusehen. Ich betrachtete es als meine Pflicht, eine Brücke zwischen zwei Welten zu bauen – der Welt, in die ich hineingeboren worden war, und der Welt eines Volkes, das ich kennen und lieben gelernt hatte.“
 
  Eines Tages wird er von einer jungen Frau angerufen, die ihn bittet, ihren Grossvater Dan, einen 78jährigen Lakota Indianer, in einem weit entfernten Reservat aufzusuchen. Dan hat über viele Jahre hinweg Aufzeichnungen gemacht und möchte nun, dass Kent Nerburn daraus ein Buch macht. „Der Alte war weder ein Spinner noch ein Chronist. Sondern ein Denker, der die Welt um sich herum lange und eingehend studiert hatte.“
 
  Während mehrere Monate durchforstet er einen Stapel zerfledderter Heftseiten und mehrere Schuhkartons voller Notizen. Nachdem er ein paar Kapitel zusammengebracht hat, legt er diese Dan vor, der davon angetan scheint, nicht jedoch sein Kumpel Grover, der Kent Nerburns Arbeit missbilligt. Dann verbrennt Dan alle seine Unterlagen. Und beginnt zu erzählen.
 
  Als die Weissen aufgetaucht seien, hätten sie das Land in Besitz genommen, ja, es ihnen geraubt, denn für die Ureinwohner sei das Haben keine Kategorie ihres Denkens gewesen. „Ihr seid in unser Land eingefallen und habt es uns gestohlen, ohne uns auch nur einmal Gehör zu schenken. Jedes einzelne eurer Versprechen habt ihr gebrochen.“
 
  Dazu kommt, dass die Ureinwohner eine völlig andere Vorstellung von der Natur hatten als die Weissen. Sie war lebendig, sprach zu ihnen, war ihre Mutter, sie hörten auf sie. „Wie sollten zwei Völker je miteinander auskommen, wenn beide das Land mit völlig andere Augen sehen? Es konnte nicht funktionieren, und so war es auch.“ Dazu komme, so Dan, dass die Weissen immer zuerst an sich selber und ihre Rechte dächten. „Aber wir denken zuerst an unsere Kultur, daran, wie wir an ihrer Kraft wachsen könne.“
 
  Was er von der Bezeichnung „Indianer“ halte?, will Kent Nerburn wissen. „Weil Kolumbus glaubte, er hätte die Westindischen Inseln gefunden, heissen wir jetzt Indianer“. Das passe vielen seiner Leute nicht, sie seien der Meinung, dass ihnen dieser Name ihren Stolz und ihre Identität raube. „Was wäre wohl los, wenn ihr die Schwarzen plötzlich Russen oder Chinesen nennen würdet? Glauben Sie, die würden das einfach so schlucken?“ Zudem: Sie seien keine Einwanderer, sondern immer schon hier gewesen, erläutert Dan.
 
  Kent Nerburn ist kein Möchtegern-Indianer, er hat aufrichtiges Interesse an den Ureinwohnern. Und es ist verblüffend, was er sich alles an Belehrungen und Unhöflichkeiten (jedenfalls aus weisser Sicht) gefallen lässt. Alsbald kommt er an seine Grenzen, denn Dan und sein Freund Grover nehmen auf seine Bedürfnisse überhaupt keine Rücksichten. „Die Stille machte mich nervös. Eben noch hatte Dan zu einer längeren Ausführung über Sitting Bull angehoben, und nun fuhren wir in gleichsam selbstverständlichem indianischem Schweigen dahin. Ich fühlte mich wie ein kompletter Aussenseiter.“
 
  Weshalb viele von ihnen ihre untüchtigen Schrottmühlen vor dem Haus stehen lassen, will Kent wissen und erhält zur Antwort, dass Dinge, die nicht mehr gebraucht würden, einfach liegen gelassen werden. „Eine Coladose am Wegesrand findet ihr schlimmer als die Highways, mit denen ihr das Land zubetoniert, eine Mülltüte im Wald schlimmer als eure blitzblanken Einkaufszentren.“
 
  Ständig beklagt Dan die Ignoranz der Weissen; er selber glaubt an die Weisheit seiner Vorfahren und versteht die Weissen genau so wenig wie sie ihn. Doch was genau in den beiden Indianern Dan und Grover vor sich geht, erfährt man nicht, Kent hingegen spricht von seinen Gefühlen – die weite Landschaft und die Stille bewegen ihn. Und als die beiden unterwegs im Auto zu singen beginnen, fühlt er sich daran erinnert, wie er zum ersten Mal Bachs h-Moll Messe gehört hatte. „Es war, als würde ich im Gesang zweier alter Lakota Indianer und dem sonoren Brummen des Buick das Sanctus, das Agnus Dei und das Kyrie der Prärie vernehmen.“
 
  „Nicht Wolf Nicht Hund“ macht vor allem deutlich, mit was für verschiedenen Denk- und Wertesystemen Ureinwohner und Weisse unterwegs sind. Und bietet vielfältige Aufklärung über die daraus resultierenden Missverständnisse. In den Augen von Dan liegen diese wesentlich daran, „dass für die Weissen Freiheit ganz obenan steht. Und für uns Indianer die Ehre.“ Und es klärt auf, wie unterschiedlich mit Autoritäten umgegangen wird. Es ist selten, dass ich auf derart viele Gedanken stosse, von denen ich in meiner Jugend überzeugt gewesen bin und die mir „das System“ versucht hat auszutreiben. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube!
 
  Die Welt bestehe nicht aus Zufällen, sagt der alte Lakota einmal. „Der Schöpfer hat Ihnen eine Aufgabe gestellt, so wie mir auch. Das ist kein Witz. Er hat sie ausgewählt. Kommen Sie nicht auf die Idee, es zu vermasseln.“ Wir sind gut beraten, uns diese Haltung anzueignen!

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