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Bill Clinton / James Patterson
The President is Missing

Droemer


Von Hans Durrer am 24.06.2018

  Von James Patterson weiss man, dass er fünf Mitarbeiter (oder sieben, wie eine andere Quelle behauptet) beschäftigt, wie viel er selber zu den Büchern, die seinen Namen auf dem Cover tragen, beiträgt, weiss man hingegen nicht. Von Bill Clinton weiss man, dass er aussergewöhnlich viele Thriller (allein die Autorennamen, die er in einem Interview aufgezählt hat, sind beeindruckend) liest und dass er die Politik allerbestens kennt. Was man nicht so genau weiss, ist, wer das vorliegende Buch eigentlich geschrieben hat.
 
  „Der Sonderausschuss des Repräsentantenhauses eröffnet die erste Anhörung ...“, so beginnt „The President Is Missing“ und natürlich liest man gebannt weiter, denn Bill Clinton hat solche Anhörungen am eigenen Leib erfahren und weiss bestens um die Brutalität beim Streben um Macht. Und natürlich stellt man sich auch ganz automatisch Donald Trump in einer vielleicht schon bald möglichen Befragungssituation vor, als von den Beratern des Präsidenten die Rede ist. „Jeder von ihnen hat versucht, mir die Sache auszureden. Sie sind der einhelligen Meinung, ich sei dabei, den grössten Fehler meiner Präsidentschaft zu begehen.“
 
  Doch das alles ist nur ein Probelauf, wird es wirklich zu einem Amtsenthebensverfahren kommen? Der Präsident versucht, den Ausschussvorsitzenden für sich zu gewinnen, indem er ihn davon zu überzeugen versucht, das Wohl des Landes höher zu werten als den eigenen Vorteil. Und ihn um sein Vertrauen bittet. Das alles klingt etwas arg nach Sonntagspredigt – der ehrenhafte Präsident und seine machtgeilen Widersacher.
 
  Aufschlussreich sind die Einblicke in die Präsidentenrolle, die „The President is Missing“ erlaubt. „Ich wiederhole mich nicht, das hat ein Präsident nicht nötig. Ein Blick in seine Augen genügt.“ Etwas gar dick aufgetragen, ist auch das ständige Loblied („hervorragend ausgebildet“, „untadelig ihre Pflicht erfüllen“ etc), das der Präsident auf seine Sicherheitsbeamten singt. Zudem: Kennen Präsidenten, wie in diesem Thriller suggeriert wird, wirklich die Namen der Agenten, die sie beschützen und kümmern sich persönlich um deren Angehörige, wenn sie bei der Pflichterfüllung ihr Leben lassen müssen?
 
  Der Plot (im ersten Teil) ist derart unglaubwürdig – der Präsident entzieht sich seinen Personenschützern, um sich mit einem dubiosen Pärchen zu treffen, das ihn über seine Tochter kontaktiert hat und über geheime Informationen zu verfügen behauptet, wobei er vor diesem Treffen noch von einer bekannten Schauspielerin kosmetisch hergerichtet wird – , dass ich ihn ziemlich abstrus fand. Im zweiten Teil wird es jedoch plausibel: Cyberangriffe auf biologische Labors und Wasseraufbereitungsanlagen und weitere Bedrohungen wechseln sich in schneller Folge ab. Und die Aufklärungen über unsere Welt, die sich in ihrer Gänze von der Elektrizität abhängig gemacht hat, sind sehr spannend und machen nachdenklich.
 
  In grossen Teilen ist dieser Thriller eine Rechtfertigungsschrift (natürlich nicht eins zu eins und mit vielen dichterischen Freiheiten – deshalb die Thriller-Form, die sich bestens eignet, um sich ohne gesellschaftliche und politische Rücksichten äussern zu können) von Clintons Leben, durchaus süffig und interessant erzählt, doch wie das eben mit dieser Art von Memoiren der Fall ist, wird der Präsident als etwas gar edelmütig geschildert. Nun ja, das Buch ist Fiktion. Doch auch wenn man sich dessen bewusst ist, mutet es gelegentlich eigenartig an, dass der vom Ex-Präsidenten (der keinen Wehrdienst geleistet hat) beschriebene Präsident ein Kriegsheld ist, der gefoltert wurde.
 
  Störend fand ich die das ganze Buch durchziehende Superlativ-Manie. Führende Politiker sind herausragende Leute, Cyberterroristen sind natürlich die besten und fähigsten etc.. Störend fand ich überdies das wiederholte pathetische Betonen, es ginge um das Land und nicht um persönliche Eitelkeiten. Da wundert man sich gelegentlich schon über die Vorstellungswelt der Autoren.
 
  Der Reiz an diesem Thriller ist nicht zuletzt, dass man erfährt, wie Spitzenpolitiker ticken. „Würde sie ihrem Instinkt folgen, liefe sie schneller zu ihrem Ziel, doch Disziplin ist alles.“ „Wenn die Geschichte eines lehrt, dann die Tatsache, dass Menschen und Tiere gleichermassen, von den primitivsten zu den zivilisiertesten Säugern, einem Leittier folgen wollen. Schalte den Anführer aus, und das übrige Rudel ist in Panik.“ Und dass man derart unverblümt über Politik, in der vor allem Neid, Missgunst und Bitterkeit herrschen, aufgeklärt wird, dass man Politikern so recht eigentlich überhaupt gar nicht mehr zuhören mag.
 
 Fazit: Spannend und lehrreich.

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