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Joaquim Maria Machado de Assis
Das babylonische Wörterbuch

Manesse
2018
Übersetzt von Marianne Gareis und Melanie P. Strasser
256 Seiten
ISBN-13: 978-3-7175-2422-9
€ 20,-


Von Hans Durrer am 06.05.2018

  Bücher haben in meinem Leben einen hohen Stellenwert und Klassiker einen ganz besonders hohen – ich verbinde mit ihnen Bildung und Gelehrtheit und davor habe ich Respekt. Unter den vielen Klassikern, die ich gelesen habe, erinnere ich nur wenige, die mich nachhaltig beeinflusst haben (Dostojewskis Idiot und Tolstois Krieg und Frieden) und noch weniger zahlreich sind die, deren Lektüre ich genossen habe (Mary Shelleys Frankenstein). Soviel zu dem, was mir spontan einfällt.
 
  Da ich recht viel Zeit in Brasilien verbracht habe und verbringe, fühlte ich mich quasi verpflichtet, Joaquim Maria Machado de Assis zu lesen – „Das babylonische Wörterbuch“ ist mein erstes Werk von ihm, es handelt sich um Erzählungen.
 
  Die erste überrascht mich, denn sie spielt in Siam und handelt davon, wie der König und seine schönste Konkubine die Körper tauschen. Das klingt zwar einigermassen fantastisch, doch in Thailand, wo man mit Geschlechterfragen recht unkompliziert umgeht, mutet das keineswegs abwegig an. Doch „Die Akademien von Siam“ bewegen sich nicht nur in den Höhen des nicht so recht Fassbaren, sondern sind auch höchst realistisch. „Sie konnte einfach nicht verstehen, wie diese vierzehn in der Akademie vereinten Männer gemeinschaftlich die Klarheit der Welt und getrennt eine Ansammlung von Kamelen sein konnten.“
 
  Es sind höchst eigenartige Geschichten, die dieser Band versammelt. Mich liessen sie teils fasziniert, teils ratlos zurück. Starke Bilder erweckten in meinem Kopf etwa der Reisebericht „Evolution“, in dem ein Mann darüber staunt, dass sein Reisegefährte seinen Vergleich („Ich vergleiche Brasilien immer mit einem Kind, das krabbelt; zu laufen wird es erst beginnen, wenn wir viele Eisenbahnlinien haben.“) nicht nur wirklich glaubt, sondern mit ihm sogar politische Karriere macht.
 
  In „Adam und Eva“ hat nicht Gott, sondern der Teufel die Welt erschaffen, jedoch hat Gott nachträglich mildernd eingegriffen. Es gibt noch andere Bezugnahmen auf die Bibel. Speziell zugesagt hat mir „Die Predigt des Teufels“, eine satirische Version der Bergpredigt, in der man fast eine Anleitung für Geschäftsleute sehen könnte. Obwohl, es ist weniger eine Anleitung als ein recht zynischer (und realistischer) Beschrieb „unseres“ derzeitigen wirtschaftlichen und politischen (die gehen eh Hand in Hand) Systems. Etwa: „Selig, die blenden, denn sie werden nicht geblendet werden.“ Oder: „Schwöret niemals die Wahrheit, denn die nackte und rohe Wahrheit ist nicht nur unanständig, sondern auch schwer verdaulich; schwöret vielmehr immer und bei allem, denn die Menschen sind dazu gemacht, eher jenen zu glauben, die falsch schwören, als jenen, die gar nicht schwören. Wenn du sagst, die Sonne habe aufgehört zu scheinen, wird jedermann Kerzen anzünden.“ Oder: „Lieben könnt ihr ausnahmsweise jenen, der euch zu einem guten Geschäft verholfen hat; doch darf es nicht soweit gehen, dass er die Karten in der Hand hat, wenn ihr zusammen spielt.“
 
  Manfred Pfister weist im Nachwort daraufhin, dass die Vielfalt der Formen und Stile Machado de Assis zu einer Art zweitem Laurence Sterne macht, der „mit den Lesern spielt und mit unterschiedlichen Materialien und Erzählsituationen von Ich- und Er-Erzählern experimentiert, denen man nie so ganz über den Weg trauen kann.“ Und er stellt, wie das Verfasser von Nachworten zu tun pflegen, Zusammenhänge her, berichtet also unter anderem davon, wie Machado de Assis aufgewachsen ist, dass er von Susan Sontag als „der grossartigste lateinamerikanische Autor aller Zeiten“ gefeiert und vom Kritiker Harold Bloom zu den „Hundert bedeutendsten Autoren der Weltliteratur“ gezählt worden ist. Als ob das jemand wirklich beurteilen könnte.
 
 PS: „Zeitlose Form und Ästhetik für zeitlose Inhalte“, beschreibt der Manesse Verlag diese edel gestaltete Reihe. So isses!

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