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Daniel Galera
So enden wir
(Meia noite e vinte)

Suhrkamp
2018
Übersetzt von Schweder-Schreiner
231 Seiten
ISBN-13: 978-3518428016
€ 22,-


Von Hans Durrer am 06.05.2018

  Der Autor Daniel Galera, 1979 in São Paulo geboren, lebt heute in Porto Alegre, der Hauptstadt von Rio Grande do Sul, und hat unter anderem David Foster Wallace und Hunter S. Thompson, Autoren, die ich schätze, ins brasilianische Portugiesisch übersetzt. Noch ein Grund also, weshalb ich dieses Buch positivst gestimmt angehe. Und ich bin auch sofort drin und fühle mich zum ersten Mal so richtig gepackt, als Aurora, die einmal Kryprozoologin werden wollte und heute nicht mehr so recht weiss, was sie will, vom Tod von Andrei erfährt und notiert. „In meiner Hilflosigkeit kam mir wahrscheinlich der Gedanke, dass die Zeit, in der wir lebten, der Auftakt zu einer langsamen, irreversiblen Katastrophe war und dass die Kraft, das Naturgesetz oder das Etwas, das unsere Träume mit Leben erfüllte, und mit 'unsere' meinte ich meine Träume, die meiner Freunde, meiner Generation, allmählich versiegte.“ Ihr Vater überlebt einen Herzinfarkt, sie selber würde am liebsten zu ihrer Mutter sagen: „Unsere Welt geht dem Ende entgegen, Mama, und das Schlimmste, was wir machen können, wäre einzugreifen“, doch weiss sie selber nicht recht, ob sie das eigentlich glaubt.
 
  Aurora gehört zusammen mit drei Jungs – dem gerade verstorbenen Andrei, dem talentierten, schwulen Schriftsteller Emiliano (“... musste ich mir eingestehen, was für ein Wrack ich mit meinen zweiundvierzig Jahren war“) und dem dauernd Zigaretten schnorrenden Antero, einem sehr erfolgreichen Werber – zu einer Clique von Eigenwilligen und Unangepassten. Beim Begräbnis von Andrei (der im Buch durchgehend Duke, im Klappentext jedoch Duque genannt wird) und teilen sich über ihre Leben und Überzeugungen aus. Und das meint unter anderem auch über den Alltag in Rio Grande do Sul, wo die Polizei weniger als zehn Prozent der Mordfälle aufdeckt. Emiliano kommentiert die Lage so: Man landet eher im Gefängnis, wenn man die Polizei dabei filmt, wie sie mit Gummigeschossen auf die Leute ballern, als wenn man jemanden ersticht. Ein paar sitzen immer noch, nur weil sie bei den demos letztes Jahr Essig im Rucksack hatten.“ Und Aurora meint: „Jeder weiss doch, was falsch läuft und was man besser machen könnte, aber was gemacht werden könnte, wird nicht gemacht, und deswegen kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es gemacht werden könnte.“
 
  Das beschreibt nicht nur Südbrasilien, das beschreibt die Lage und die Gefühle weltweit. Und es impliziert, dass die alten, ausgeleierten Rezepte (Bildung. Aufklärung etc.) nicht mehr funktionieren (haben sie überhaupt einmal funktioniert?).
 
  Emiliano wird angefragt, eine Biografie über Duke zu schreiben, er will zwar nicht so recht („Dukes Geschichte zu erzählen, bedeutete, Dinge über mich selbst zu erzählen, die ich wahrscheinlich nicht ausgraben und schon gar nicht teilen wollte.“), doch akzeptiert dann doch („Ich hatte ihn geliebt, ja, und diese Liebe würde ich immer in mir tragen.“).
 
  Nicht nur Emiliano blickt zurück, auch Antero tut das und wird als verheirateter Vater und erfolgreicher Geschäftsmann wieder zum Strassenkämpfer (er muss ja schliesslich wissen, wie die künftigen Konsumenten ticken, sagt er sich). Und da ist dann auch noch der nachgeholte Sex mit Aurora. „Kurz, alles daran war falsch, und genau deswegen war es in Ordnung, es war eine deiser Situationen, in denen Sex dafür gemacht schien, um sich kurz zurückzuziehen von etwas, das falsch war, aber trotzdem nötig, also vögelten wir voller Wut und Dankbarkeit, bis wir erschöpft und völlig eingesudelt waren.“ Orientierungslosigkeit pur – sie beschreibt das Lebensgefühl, das dieses Buch durchzieht hervorragend.
 
  Dieses Sysiphus-Lebensgefühl wird wesentlich vom städtischen brasilianischen Umfeld gespiesen: Vom immer unsicherer werdenden Porto Alegre. Und von São Paulo, „eine Stadt, die mich mit ihrer Masslosigkeit überwältigte, dieses gewimmel wie in einem Ameisenhaufen, der grauenhafte Geruch von heissem Asphalt und diese unmenschliche Atmosphäre herzlicher Rivalität.“ Und von der zunehmend digitalisierteren Welt. „Die neue Schönheit ist eine genormte Schönheit, die sich aus gespeicherten Daten speist, aus Algorithmen, aus Elementen und Gegensätzen im Informationsüberfluss. In dieser Welt besteht nicht die geringste Möglichkeit zur Transgression oder Transzendenz. Es gibt keine Wahrheit, die unter der Oberfläche schlummert. Die Blumen, die aus diesem Überfluss wachsen könnten, gehen von einem Tag auf den anderen ein.“
 
  „So enden wir“ erzählt die Geschichte vom Älter-Werden in einer Zeit ohne Gewissheiten, geprägt von Gentechnik, Pornografie, sexistischem Karrieredenken und Endzeitfantasien. Auf eine bessere Zukunft hofft in diesem Roman niemand.

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