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Greg Iles
Die Toten von Natchez
Penn Cage Trilogie, Band 2
(The Bone Tree)

Aufbau
2018
Übersetzt von Ulrike Seeberger
1008 Seiten
ISBN-13: 978-3746633466
€ 12;99


Von Hans Durrer am 23.04.2018

  Natchez ist eine Stadt in Mississippi. Penn Cage, der Bürgermeister und seine Verlobte, Caitlin Masters, die Chefredakteurin der einflussreichen Lokalzeitung, haben sich mächtige und gefährliche Feinde gemacht: Die Doppeladler, eine Geheimorganisation, die seit den sechziger Jahren Morde an Schwarzen verübt hat und auch im Drogenhandel aktiv ist. Der Kopf der Doppeladler ist Forrest Knox, der mit allen Mitteln Chef der State Police zu werden versucht. Er hat die Unterstützung von finanzstarken Investoren, die den Hurrikan Katrina, der New Orleans zerstört und eine Abwanderung der Schwarzen zur Folge hatte, als Gelegenheit sehen, um die Stadt nach ihren Wünschen wiederaufzubauen. In ihrem Kampf gegen die Doppeladler erhalten Cage und Masters Unterstützung vom FBI-Agenten John Kaiser, der mit der berühmten Kriegsfotografin und mehrfachen Pulizer-Preisträgerin Jordan Glass verheiratet ist. Mit anderen Worten: Die Medien spielen eine prominente Rolle in diesem Werk.
 
  Dieser ewige Kampf zwischen Gut und Bös ist sehr spannend geschildert. Wie Greg Iles es schafft, die Spannung auf 1000 Seiten zu halten, ist nicht nur beeindruckend, sondern staunenswert und mir ein Rätsel. Nur schon, dass man 1000 Seiten schreiben kann, ist mir unbegreiflich, doch dass man 1000 Seiten schreiben kann, die einem nur gelegentlich etwas langatmig vorkommen, ist mir vollkommen unerklärlich. Hut ab! Auch für die glänzende Übersetzung von Ulrike Seeberger.
 
  Man kann sich natürlich fragen, ob so ein Südstaaten-Wälzer überhaupt ein Thriller sein kann oder ob es sich dabei nicht vielmehr um einen weiteren Versuch handelt, den grossen amerikanischen Roman zu schreiben. Nun ja, das Eine schliesst das Andere ja nicht aus. Zudem: Dass auf so vielen Seiten sich auch der eine oder andere Fehler einschleicht, ist kaum zu vermeiden. So stammt etwa das C.G. Jung zugeschriebene Zitat auf Seiten 547/548 aus dem Thomas Evangelium.
 
  „Die Toten von Natchez“ ist jedoch, wie jeder wirklich gute Thriller, weit mehr als einfach spannende Unterhaltung. Es geht darin auch um das komplizierte Verhältnis von Vätern und Söhnen Müttern und Töchtern, ja, um Familienfragen generell, doch speziell um die Frage, wie viel Kinder eigentlich von ihren Eltern wissen (können und sollen) und umgekehrt. „Keiner von uns ist die Person, für die die anderen uns halten.“
 
  Und es geht, und dies ganz zentral, um den Süden der Vereinigten Staaten, insbesondere um Mississippi und Louisiana („Bauerntölpel im Norden und Franzosen im Süden – Baptisten hier und Katholiken da, Gott sei's geklagt.“). Hervorzuheben ist, dass Autor Greg Iles nicht in Klischees verfällt, sondern eine differenzierte und menschliche Haltung einnimmt. Und gelegentlich auch zum Schmunzeln einlädt. „McCrae war einer jener Südstaatler, die ihre Heimatgemeinde nur verliessen, um ihrem Land im Krieg zu dienen oder um Stiere zur Paarung im Staat herumzufahren.“
 
  „Die Toten von Natchez“ handelt auch von den Mythen Amerikas, insbesondere der Ermordung John F. Kennedys (welcher der Autor viel Platz einräumt, mit zum Teil neuen Überlegungen), von der sich das Land nie recht erholt hat. Wie auch davon nicht, dass es im Laufe der Zeit lernen musste, dass JFK eher ein verzogener Prinz und weniger die Traumgestalt war, die sich die Leute vorgestellt hatten.
 
  Auch ein Knochenbaum (im englischen Original heisst das Buch „The Bone Tree“), um den sich viele Legenden ranken, spielt eine zentrale Rolle – ein Hinweis darauf, wie stark wir von selbstgeschaffenen Mythen geprägt sind. Darüber hinaus ist dies auch ein Buch, in dem ich immer mal wieder auf höchst treffende Einsichten gestossen bin. „Wir haben alle verschiedene Prioritäten. So ist das nun mal auf der Welt, oder?“
 
  „Die Toten von Natchez“ zu lesen, bedeutet, ein Amerika kennenzulernen, das den meisten wohl unbekannt ist. Und man beginnt zu erahnen, dass diese Natchez-Thriller die amerikanische Realität im Süden des Landes vermutlich besser vermitteln als die professionellen Nachrichtenvermittler es tun. Da gibt es mehr Rassisten – John F. Kennedy, Robert F. Kennedy und Martin Luther King standen in den Sechzigerjahren auf der Abschussliste der Ku-Klux-Klan-Anhänger – , als man es für möglich gehalten hätte. Und sie sind nicht alle blöd, sondern gut organisiert und auch bei der Polizei zu finden, darunter Scharfschützen, die während des Hurrikans Katrina schwarze Teenager ermordeten. Zu glauben, dass es die heute nicht mehr gibt, ist ein Irrtum – mit Trump haben wir ein Amerika kennengelernt, das Greg Iles (die englische Originalausgabe erschien 2015) schon vor Jahren beschrieben hat.
 
  Es handelt sich bei diesem Wälzer um den zweiten Band einer Trilogie. Man braucht den ersten (genauso dicken) Band nicht gelesen zu haben, um der Handlung problemlos folgen zu können, denn der Autor hat die Vorkommnisse des ersten Teils in einem Prolog zusammengefasst.

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