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Sophie Divry
Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
(Quand le diable sortit de la salle de bain)

Ullstein
2017
Übersetzt von Patricia Klobusiczky
272 Seiten
ISBN-13: 978-3550081361
€ 21,-


Von Hans Durrer am 01.04.2018

  Sophie lebt in Lyon, ist ohne Job, das Geld geht ihr aus und die Telecom will ihr ein Flatrate-Angebot verkaufen. „In der Kategorie 'Übelste Jobs aller Zeiten' dürfte Telefonmarketing weltraumweit die Siegespalme davontragen. Kein anderer Beruf ist so nutzlos, so nervig für die Mitmenschen, kein anderer trägt so stark zu Lärmbelästigung und Sprachentstellung durch Kommunikation bei. Ich frage mich, welche aufgeblasene Werbersackwalze zuerst auf die Idee gekommen ist, Dienstleistungen am Telefon zu verchecken und dabei das grundlegendste Gesetz der Höflichkeit mit Füssen zu treten, das da lautet, belästige niemanden mit deinem Scheiss.“
 
  Dies der Ton dieses cleveren, turbulenten und kurzweiligen Romans, der den Alltag einer Arbeitslosen und Existenzfragen höchst kreativ und phantasievoll abhandelt. Auch gestalterisch hebt sich das Buch von anderen ab – es ist in drei Teile gegliedert, die jeweils von einer kurzen Zusammenfassung eingeleitet und von einem Bonus auf schwarzem Papier ergänzt werden. Dazu kommt ein grafisch ansprechend gestalteter Schutzumschlag.
 
  Sophie wuchs zusammen mit sechs Brüdern auf, der Vater war Manager, die Eltern verstanden sich bestens, Hunger litt sie nie. Doch jetzt schon. Mit 17.70 Euro auf dem Konto, erweist sich der Espresso in der Snackbar als Luxus und Bertrande, die alte Dame von der Kirchgemeinde, die sich um Bedürftige kümmert und von der sie sich zum Essen einladen lässt, kurzfristig als Rettung. Auch versucht sie, ihre Bücher zu verkaufen, überlegt sich Airbnb, muss die Idee wegen der nicht funktionierenden Klospülung jedoch aufgeben.
 
  Sie beschliesst den grossen Roman zu schreiben, fährt zur Uni-Bibliothek, wo sie sich beim Anblick der Elite-Studentinnen den Neid nicht verkneifen kann und sich in Sarkasmus rettet. Sie schlägt sich mit den Sozialbehörden herum, die ein hirnrissig absurdes System am Laufen halten, für das ganz offenbar niemand verantwortlich ist, jedoch eingehalten werden muss.
 
  Eindringlich schildert sie, was der Hunger mit ihr macht. Da erreicht sie eine lange SMS aus Montpellier. Ein Familienanlass (eine gute Gelegenheit, wieder einmal üppig zu essen) bewegt sie, sich ein Mitfahrauto zu organisieren, das sie sich mit einem jungen Schlangenfan teilt – eine grandiose Schilderung!
 
  Wie Sophie Divry diese Familienzusammenkunft schildert, ist ganz fabelhaft. „Wenn fünfundzwanzig Menschen, die sich sehr mögen, Wiedersehen feiern, geht es laut zu. Meine Mutter redete. Meine Brüder redeten. Ach, sag bloss! In meiner Familie wurde pausenlos geredet. Geredet, geredet und wieder geredet. Forte und piano. Schöngeredet, kleingeredet. Geredet, beredet und zerredet. Über dieses und jenes, ohne Punkt und Komma. Halblaut, in Rätseln. Ins Nichts und in taube Ohren. Laut und schrill ...“. Es ist die Sprache, die Melodie, der Rhythmus, die Sophie Divrys Schreiben auszeichnen.
 
  Doch es gilt auch dies: Die Autorin benutzt die Sprache gelegentlich recht eigenwillig, erfindet Wörter, wie etwa die Verben „anfeuermutigen“ oder „mahnrügen“ oder das Substantiv „Andiedeckestarrung“ und auch der Satzspiegel folgt nicht immer den gängigen Regeln (ein Zwischentitel, der auf dem Kopf steht, Worte, in eigenwilliger Anordnung, über eine Doppelseite verteilt und anderes mehr). Sicher, das ist sehr experimentell (und, zugegeben, phantasievoll und hebt das Buch von anderen ab – ein wesentliches Kriterium modernen Marketings), doch für mein Empfinden ein ziemlich bemühtes Originell-Sein-Wollen, das die Lektüre nicht verbessert, sondern eher mühsamer macht.

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