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Céline Minard
Das grosse Spiel
(Le Grand Jeu)

Matthes & Seitz
2018
Übersetzt von Nathalie Mälzer
192 Seiten
ISBN-13: 978-3957575265
€ 20,-


Von Hans Durrer am 20.03.2018

  Eine Tonne als Behausung, die einem Flugzeugrumpf gleicht, an einem Berghang in den Alpen, umgeben von Fels und karger Natur, dient der Erzählerin als Ausgangspunkt, um „das Wesen der Einsamkeit zu erforschen“, wie der Klappentext schreibt. Das impliziert, sich auf Wesentliches zu konzentrieren, bestimmt und radikal. „Man muss sich jeden Morgen aufs Neue bewusst machen, dass man Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen so lange begegnet, wie man auf andere Menschen trifft.“
 
  Nicht nur die Erzählerin nimmt ihre Umgebung wahr, diese nimmt auch sie wahr. „Ein Eichelhäher beobachtet mich, seit ich mit der Arbeit begonnen habe. In regelmässigen Abständen setzt er sich in angemessener Entfernung rechter Hand auf die Spitze eines von Rhododendren überwucherten Felsblocks. Wie viele andere Tiere nehmen in diesem Augenblick meine Anwesenheit inmitten der Berglandschaft wahr? In welchem Bündel von Bewusstseinsströmen ist mein Treiben gefangen, ohne dass ich es auch nur ahne? Sehr wahrscheinlich gibt es irgendwo eine Gruppe Murmeltiere, die Informationen über mich austauscht.“
 
  Wegen dieser Sätze allein, lohnt sich dieses Buch für mich. Denn zum allerersten Mal – und das verblüfft mich ungemein – mache ich mir Gedanken darüber, dass und wie Bergbewohner wie Eichelhäher oder Murmeltiere mich möglicherweise wahrnehmen. Und diese Erkenntnis verändert meine regelmässigen Wanderungen in den Bergen.
 
  Es gibt einige solcher Sätze, die bei mir nicht nur Wahrnehmungs- , sondern auch Empfindungsveränderungen auslösen. Diese Anleitung zum Gehen im Gebirge etwa. „Das Geheimnis des Gehens in den Bergen liegt in langen, langsamen und regelmässigen Schritten. Der Atem reguliert sich von allein. Sich nicht ablenken lassen, nicht allen Mäuselöchern folgen, die Übung fortsetzen, langsam, hartnäckig, das ist der wahre Garant. Das Handeln, den Gedanken, den Willen fortsetzen, also dasselbe wiederholen, selbst wenn die Bedingungen sich ändern, heisst seine eigene Kohärenz erschaffen, bilden, erreichen. Immer dasselbe wollen, immer dasselbe ablehnen, in jeder Welt.“
 
  Für mich, der ich vor Kurzem die „Walking Meditation“ entdeckt habe, mich darin regelmässig, doch bislang mit wenig Erfolg übe, gibt es in diesem Buch immer wieder Passagen, die mir als Hinweise, Anregungen und gelegentlich auch als Bestätigung des eigenen Denkens und Fühlens dienen.
 
  „Sich mit dem zu begnügen, was passiert.
  Wenn man ein Ereignis betrachtet, sieht man in ihm, wie es sich bildet und weiterentwickelt.
  Ich verstehe „betrachten, was kommt“ nicht als einen Akt der Naivität. Ich verstehe „sich damit begnügen“ als einen Akt der Weisheit.
  Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzig notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.“
 
  Die Protagonistin dieses Romans – das hat mich an diesem Buch fast am meisten verblüfft, dass es nicht in erster Linie ein Erfahrungsbericht ist, sondern ein Roman – begibt sich ständig auf Wanderungen, erkundet ihre Umgebung, entdeckt das Magische der Berge. Das wirkt nicht ausgedacht, sondern erfahren – so man das denn überhaupt trennen kann. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk erzählte sie. „Ich habe drei Monate auf einer Almhütte verbracht – und einfach nichts gemacht. Ich habe nachgedacht und bin sehr viel gewandert.“
 
  Das Resultat kann man in „Das grosse Spiel“ nachlesen. Es lohnt sich!

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