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Amitav Ghosh
Die große Verblendung
Der Klimawandel als das Undenkbare
(The Great Derangement. Climate Change and the Unthinkable)

Blessing
2017
Übersetzt von Yvonne Badal
256 Seiten
ISBN-13: 978-3896675842
€ 22,99


Von Hans Durrer am 09.03.2018

  Amitav Ghosh wundert sich darüber, dass der Klimawandel in der Literatur der Gegenwart nicht zur Sprache kommt. Offenbar ist er der Meinung, die Literatur müsse alle wesentlichen Vorkommnisse abbilden, damit spätere Generationen verstehen können, was denn vor ihrer Zeit so alles abgelaufen ist. Recht hat er. Nur ist dieses stellenweise recht abgehobene Buch („Unwahrscheinlich ist nicht das Gegenteil von wahrscheinlich, sondern dessen Beugung: ein Gradient in einem Kontinuum von Wahrscheinlichkeiten.“), in dem der Autor seine Bildung gelegentlich ziemlich penetrant darbietet, kein wirklich geeigneter Beitrag dazu.
 
  Ghosh erzählt unter anderem von Naturkatastrophen, die keinem Muster zu entsprechen scheinen (also mithin nicht vorhersehbar sind). So stieg 1986 in Kamerun plötzlich eine massive Kohlendioxidwolke aus dem Nyos-See auf, hüllte die Dörfer in der Umgebung ein und tötete eintausendsiebenhundert Menschen und viele ungezählte Tiere. In Neu Delhi gab es im März 1978 einen Zyklon, mit 30 Toten und 700 Verletzten, ein bis dahin unbekanntes Phänomen. Des Weiteren haben Zyklonale Aktivitäten im Arabischen Meer in jüngster Zeit zugenommen. Und und und ... Doch der Mensch, dem es gegeben ist, dass er sich nicht ändern will, geht weiterhin vom Regelfall und nicht von der Ausnahme beziehungsweise dem Unvorhersehbaren aus – und lebt weiter wie bis anhin.
 
  Auch vom Tsunami im Dezember 2004 erzählt Ghosh. An Bord eines Flugzeugs der Indian Air Force, das Hilfsgüter auf eine der am schwersten betroffenen Nikobaren-Inseln flog, gelangt er vor Ort und stellt verblüfft fest, dass das Siedlungsmuster der Insel vom Lebensstil der Mittelschichten geprägt ist und das heisst: die Erfolgreichen siedeln nahe am Wasser – und hatten deswegen die geringste Überlebenschance.
 
  Kolkatta, wo seine Mutter lebt, liegt zwar nicht direkt am Meer, doch ein Grossteil ihrer Fläche liegt unter dem Meeresspiegel, weshalb die Stadt denn auch regelmässig von Überschwemmungen heimgesucht wird. „Nach langem Abwägen beschloss ich, mit meiner Mutter über einen Umzug zu reden.“ Ohne Erfolg. Soviel zum Thema „Was uns unser Wissen alles nicht nützt.“
 
  Auch den Japanern hat das Wissen ihrer Vorfahren wenig genützt. Man denke an Fukushima. „Mit Sicherheit schenken gerade Japaner den Worten ihrer Ahnen viel Aufmerksamkeit, und doch haben sie nicht nur genau dort gebaut, wo die Ahnen sie gewarnt hatten, es nicht zu tun, sie haben sogar ein Kernkraftwerk dorthin gestellt.“
 
  Dass es den Klimawandel gibt, ist für Amitav Ghosh keine Frage – er beschreibt ihn. Und wird damit wohl kaum jemanden erreichen, der nicht an ihn glaubt. Doch er wird damit Leute wie mich erreichen, die sich bislang keine grossen Gedanken darüber gemacht haben und wenig Vertrauen in die Regierenden und auch nicht allzuviel Respekt vor den Wissenschaften haben.
 
  Ob man den Klimawandel wissenschaftlich beweisen kann, treibt mich nicht allzu sehr um, denn wissenschaftilich zu denken ist nicht mehr als eine Art des Denkens, zugegeben, eine ausgesprochen nützliche, doch eben keine, die geeignet scheint, Undenkbares zu denken.
 
  Zwei Teile dieses Buches haben es mir besonders angetan. Einmal, wie Ghosh von den Tigern in den Sundarbans, den grössten Mangrovenwäldern der Erde (sie umfassen ein Gebiet von etwa 10.000 km². Davon liegen etwa 6.000 km² in Bangladesch und 4.000 km² im indischen Bundesstaat Westbengalen), zur Frage wechselt, ob womöglich „die Erde selbst interveniert, um all diejenigen unserer Denkgewohnheiten zu durchbrechen, die auf dem cartesischen Dualismus beruhen, welcher es sich anmasst, jede Form von Intelligenz und jegliche Wirkmacht allein dem Menschen zuzuschreiben und jedem anderen Sein abzusprechen?“ Dann aber auch, wie er die politischen und wissenschaftlichen Debatten, ob es denn Klimawandel eigentlich gebe, kontert: „Die militärischen und geheimdienstlichen Establishments der Anglosphärenstaaten sind also ungeachtet der gespaltenen Öffentlichkeiten ihrer Länder untereinander weder uneins, was die Realität der globalen Erwärmung betrifft, noch leugnen sie diese. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass ihre politischen Eliten und Sicherheitsstrukturen die jeweiligen Vorgehensweisen des Klimawandels stillschweigend abgestimmt haben.“

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