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Gay Talese
Der Voyeur
(The Voyeur`s Motel)

TEMPO Buch bei Hoffmann und Campe
2017
Übersetzt von Alexander Weber
224 Seiten
ISBN-13: 978-3455000993
€ 20,-


Von Hans Durrer am 05.03.2018

  Gay Taleses „Der Voyeur“ erzählt die Geschichte des Hoteleigentümers Gerald Foos, der sich in Aurora, im US-Bundesstaat Colorado, ein Motel gekauft hatte, mit dem Ziel, seine voyeuristischen Gefühle zu befriedigen. Jahrzehntelang beobachtete er, wie seine Gäste miteinander Sex hatten.
 
  Foos hatte Talese im Januar 1980 kontaktiert, ihm von seiner Obsession erzählt und ihn auch zum gemeinsamen Spannen auf den Dachboden mitgenommen. Auch Tagebuchaufzeichnungen übergab er ihm, allerdings mit der Auflage, sie nicht zu veröffentlichen.
 
  „Der Voyeur“ ist die aussergewöhnliche Geschichte einer Obsession und ihrer Rechtfertigung. Und darüber hinaus ein Stück Journalismus vom Feinsten. Und das meint: Da erzählt ein Reporter nicht einfach eine Geschichte über einen Süchtigen, sondern berichtet gleichzeitig darüber, wie er selber sich dabei fühlt, was ihm durch den Kopf geht und wie er gelegentlich an seinem Informanten zweifelt – als dieser einen Mord beschreibt, von dem die Polizei jedoch nichts zu wissen scheint, wird Talese unsicher, ob dem Mann überhaupt zu glauben sei.
 
  Es gibt Journalisten, deren Credo das distanzierte Beschreiben ist. Sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, sei das Kennzeichen des guten Journalisten, hat der ehemalige Fernsehjournalist Hanns-Joachim Friedrichs einmal gemeint. So ähnlich würden wohl auch viele Psychologen und Psychiater (Frau und Mann) ihren Beruf sehen.
 
  Gay Talese gehört zu einer anderen Art Journalist, nämlich zur erklärt subjektiven, die mir selber nähersteht und ich vorziehe. „Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Welt und die Menschen betrachten, wie sie wirklich sind, ungeschönt, mit allen Unvollkommenheiten“, schreibt Talese. Dem hinzuzufügen wäre, dass auch die meisten Leser Voyeure sind – die männliche Form ist bewusst gewählt, denn nur 10 Prozent aller Frauen sind Voyeure, während fast 100 Prozent der Männer welche sind.
 
  „Aber was auch immer er beobachtete, es nährte sein Verlangen, mehr zu sehen. Er war ein Süchtiger. Sein Lebenselixier war die Vorfreude.“ Und wie das bei Süchten so ist: Man will sie nicht wahrhaben. Jedenfalls nicht als Süchte. Und so rationalisiert und verklärt man sie, indem man von den Erkenntnissen redet, die man gewonnen hat. Etwa, wie sich der Wandel der Sexualmoral gezeigt hat – so begannen die Leute Anfang der Siebziger sich gegenseitig auszuziehen, anstatt wie zuvor sich im Bad oder im Dunkeln zu entkleiden
 
  Seinen eigenen Voyeurismus rechtfertigt Talese so: „Ich verstehe mich als Chronist meiner Zeit.“ Und wird dabei manchmal (und nicht immer gewollt) zum Sozialwissenschaftler, eine Einsicht, die er dem Autor und Literaturwissenschaftler Steven Marcus verdankt, der einstmals schrieb: „Selbstverständlich unterdrückt Dickens jede Anspielung auf Prostituierte und zensiert in seinen Dialogen die Sprache der Docks ... Was wir also aus den Beschreibungen in 'Mein geheimes Leben' (einem elfbändigen Werk von über viertausend Seiten, das von einem anonymen 'Walter' verfasst worden ist) erfahren, ist, was keinen Eingang in den viktorianischen Roman fand, was, da es der Konvention zuwiderlief, ausgelassen oder verdrängt wurde.“
 
  „Der Voyeur“ ist allerbester Journalismus, abseits der Tageszeitungen.

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