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Paul Auster
Mr. Vertigo

Rowohlt
1997
318 Seiten
DM 16,90


Von Volker Frick am 19.11.2000

  “Wir verfügen über keine andere Wirklichkeit als über die, die uns die Bücher zutragen”, schrieb Edmond Jabès. Und die Welt befindet sich in fortwährendem Überschwang. Mit einem Buch, das aus drei eigenständigen Geschichten besteht, von denen eine ein überarbeitetes Theaterstück ist, gelangte er auf den deutschen Buchmarkt, zeitgleich mit seinem Roman, in welchem Anna Blume einen Brief in ein rotes Notizbuch schreibt. Apokalyptische Endzeitstimmung einer total entfremdeten Welt: Mord-Clubs, Euthanasie-Kliniken, Selbstmord-Jogger, Fäkalisten. “Lies nicht die Zeit. Lies die Ewigkeit” schrieb Thoreau. Die Zeit vergeht. Danach folgten weitere Romane, ein memoir, einige Gedichte in der Zeitschrift Akzente. Es wird einem ganz schwindelig. Gehen wir nach Paris, 1971. Paul Auster lebt in dieser Stadt, Samuel Beckett noch in der Nähe. Er sieht einen Menschen, sagen wir einen Hochseilartisten. Elf Jahre später schreibt Auster eine Rezension über die Autobiographie dieses Menschen. Es handelt sich um Philippe Petit, sein Buch On the High-Wire, out of print now. Und plötzlich fragt mich jemand Habe ich Sie nicht im Kino gesehen?
  Vertigo ist ein medizinischer Terminus und meint Schwindel. Der Erzähler ist ein alter Mann, er erzählt seine Geschichte, ein wundervolles Porträt des Künstlers als junger Mann vor dem Hintergrund eines Jahrhunderts amerikanischer Geschichte. Sein Name ist Walter Clairebone Rawley, unschwer als Homonym des vom Autor so geschätzten Sir Walter Raleigh zu erkennen. Neben dem jungen Walt ist da noch der Junge Aesop – der, der die Gabe hat, zu erzählen – Mother Sioux, Mrs. Witherspoon und natürlich Master Yehudi. Die Geschichte einer Levitation, denn Walt lernt fliegen, oder besser gesagt, in der Luft zu gehen, auf den Jahrmärkten der Eitelkeit des Mid-West aufzutreten. So beginnt Walts Karriere als Mr. Vertigo. So unglaublich es klingt, aber natürlich stimmt diese Geschichte, natürlich können auch Sie fliegen, es ist ganz einfach. Denn es geschehen Ereignisse außerhalb der Zeit. Sie existieren ausserhalb der Zeit. Jedes zukünftige Ereignis ist auch gegenwärtig. Die Zukunft ist schon geschrieben und ebenso unwandelbar wie die Vergangenheit. Die Geschichte eines Mannes, der das Fliegen erlernt, währenddessen wir lernen, was es heißt, zu schreiben, zu fliegen, zu lesen. Das Hohe Lied der Kreativität und die Quellen der Inspiration. Sie erinnern sich, wie der Sohn von Sir Walter Raleigh vor dessen Augen den Tod findet. So muss Walt, so muss der Erzähler mitansehen, so hat plötzlich der Leser vor Augen, wie 12 Jünger des Ku-Klux-Klan seinen Freund Aesop und Mother Sioux lynchen, und ein brennendes Kreuz lodert in den Himmel. Brutaler Showdown des ersten Kapitels, schwarz auf weiß der Tod, zwischen den Zeilen weißes Rauschen... Wir lesen also auch von den Schwierigkeiten des Schreibens, vom Tod als integralem Bestandteil des Lebens. Und mit jedem Satz dieser mythologisch angehauchten poetischen Erzählung nähern wir uns der Gegenwart. Jahre Monate Tage Stunden Minuten Sekunden. Der Roman ist zuende, das Buch wird geschlossen, wieder den festen Boden dieses gefrorenen Landes unter den Füßen. Oder wie Edmond Jabès denn auch schrieb: “Jeder Grenzlinie ihren Punkt.”

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