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William Saroyan
Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich

dtv
2017
Übersetzt von Nikolaus Stingl
208 Seiten
ISBN-13: 978-3423281379
€ 20,-


Von hans Durrer am 22.01.2018

  Da erzählt einer (in der allerersten Geschichte) auf sehr ungewöhnliche Art vom Geschichtenerzählen, berichtet davon, was er sich so überlegt, was für Autoren ihm durch den Kopf gehen (Hemingway, etwa) und was er von ihnen beziehungsweise ihrem Werk hält, schreibt von Assyrern und Armeniern („Ich habe keine Ahnung, wie es ist, Armenier zu sein, oder wie es ist, Engländer, Japaner und sonst was zu sein. Ich habe eine blasse Ahnung, wie es ist zu leben. Das ist das Einzige, das mich stark interessiert. Das und Tennis.“). Und er schreibt von einem Jungen mit einer raren Christenstimme, von Birnen und der Kunst („Ein Künstler schaut hin und sieht und jeder, der Sehvermögen besitzt, ist nicht blind.“) und so recht eigentlich von allem und jedem in einem wunderbar unaufgeregten, leichten Ton. William Saroyans Schreiben ist anregend, sehr menschlich und reich an Witz.
 
  „Dreizehn Jahre alt und nicht getauft“?, rief der Priester. „Was seid ihr nur für Menschen?“
 „Grösstenteils sind wir Bauersleute“, erwiderte mein Onkel Melik, „aber wir haben auch unsere Genies gehabt.“
 Es war ein Samstagnachmittag. Die ganze Sache dauerte nicht länger als sieben Minuten, aber selbst nach meiner Taufe konnte ich keinerlei Veränderungen spüren.
 
  Die Geschichten spielen in Kalifornien zu einer Zeit, als es auf der Welt noch gemächlicher zu und her ging, als die Menschen noch miteinander redeten und Fremde höflich begrüsst und manchmal auch willkommen geheissen wurden.
 
  William Saroyan ist ein Schreiber mit Moral, doch ohne Einbildung. Und ein Missionar ist er schon gar nicht, eine klare, mitmenschliche Haltung hat er gleichwohl. „Ich habe nichts übrig für Menschen, die zu Maschinen werden. Ich habe nichts übrig für Maschinen, die von der Lebenszeit von Menschen, von ihrem Lebensblut fett werden. Ich habe für solche Sachen nichts übrig.“ Und von einem seiner Protagonisten, der reich und fett wurde und einsam in einem Hotelzimmer starb, schreibt er. „Ich habe von nichts eine Ahnung, aber es gibt sechs, sieben Dinge auf der Welt, für die habe ich nichts übrig, und auf diese Art zu sterben ist wie alle sieben zusammen.“
 
  Seine Charaktere sind gewitzt und anständig. So sind etwa dem Verkäufer für Lebensversicherungen gebildetere Kreise lieber als Bauern, die sich für seine Produkte wenig interessieren. Handkehrum nimmt er beträchtliche, nicht bezahlte Umwege in Kauf, um die Pflanze eines Kunden an ihrem Bestimmungsort abzuliefern, wo sie jedoch nicht erwünscht ist, so dass er selber sich ihrer annimmt. Lebensversicherungen brachte man übrigens einstmals so an den Mann, dass man mit dem Profit warb, den das eigene Ableben abwerfen würde.
 
  Er macht eine Probefahrt mit einer Harley Davidson, eine ganz lange. Was er sich dabei gedacht habe, fragt der Verkäufer. „Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was meinte er damit, 'was ich mir dabei gedacht hatte?'. Nichts hatte ich mir gedacht.“
 
  „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich“ ist auch ein Werk voller philosophischer Einsichten. Selten habe ich die Problematik der menschlichen Existenz besser in Worte gefasst gefunden: „Das Problem mit den Leuten ist, dass sie überhaupt existieren und nichts damit anfangen können, das ist das ganze Problem.“
 
  Fazit: Wunderbar unterhaltende Geschichten mit überraschendem Ausgang. Eine Wohltat für die Seele! Ein schön gestalteter Schutzumschlag sowie ein aufschlussreiches Nachwort von Richard Kämmerlings vervollständigen diesen gelungenen Band.

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