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Lionel Shriver
Wir müssen über Kevin reden
(We Need to Talk about Kevin)

Piper
2017
Übersetzt von Christine Frick-Gerke und Gesine Strempel
560 Seiten
ISBN-13: 978-3492310512
€ 11,-


Von Hans Durrer am 19.01.2018

  Durch ein Interview im Fernsehkanal der BBC bin ich auf Lionel Shriver aufmerksam geworden. Ich erinnere mich nicht mehr, was sie damals gesagt hat, doch geblieben ist mir der Eindruck von einer erfrischend eigenwilligen, höchst differenziert argumentierenden Frau. Geboren 1957 in Maryland, USA, lebt sie mit ihrem Mann, dem Jazzmusiker Jeff Williams, in London und Brooklyn. „Wir müssen über Kevin reden“ wurde in 25 Sprachen übersetzt.
 
  Dieser Kevin erschiesst kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag an seiner Schule elf Menschen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Eva, der Mutter, die ihrem Ehemann, Franklin, ihre Gefühle, Gedanken, Empfindungen brieflich mitteilt. Es ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit sich selber, die Eva vorlegt – ein höchst eindrückliches Dokument der Selbstanalyse, das sich nicht nur mit den eigenen Verantwortungs- und Schuldgefühlen auseinandersetzt, sondern auch immer wieder Bezug nimmt zur politischen Lage in den Vereinigten Staaten zur Zeit als die Republikaner die Präsidentschaftswahlen klauten und George W. Bush ins Weisse Haus beförderten.
 
  „ ... aber ich wundere mich noch immer über eine Rasse, die sich selbst dermassen als Nabel der Welt betrachtet, dass alle Ereignisse, von Vulkanausbrüchen bis hin zu globalen Klimaveränderungen, zu etwas geworden sind, für das einzelne Mitglieder der Gesellschaft geradezustehen haben. Der Mensch ist ein Werk Gottes, ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich persönlich würde sogar sagen, dass auch die Geburten einzelner gefährlicher Kinder Gottes Werk sind, aber genau das war Gegenstand der Gerichtsverhandlung.“
 
  Richtet ein Jugendlicher ein Blutbad an, sind auch die Medien nicht weit, die natürlich nur ihren Job machen. „Ich weiss, dass er nur seinen Job macht, aber ich mag seinen Job nicht. Ich habe die Spürhunde satt, die an meiner Tür Witterung aufnehmen, wie Köter, die das Fleisch riechen. Ich bin es leid, zu einer Mahlzeit verarbeitet zu werden.“
 
  Sie bemüht sich, eine gute Mutter zu sein, doch dass Eva, im Gegensatz zu Franklin, keinen Draht zu ihrem Sohn hat, zeigt sich schon früh. Aber auch die Babysitterin Siobhan kommt mit dem aggressiven Kleinen, dem alles gleichgültig ist und der genau zu wissen scheint, wie man seine Umgebung terrorisiert, nicht klar. Wie soll man bloss damit umgehen, wenn die gängigen Wertvorstellungen nichts, aber auch gar nichts mit dem Verhalten des eigenen Kindes zu tun haben? Wie macht man, wenn sich dieses Kind als manipulierendes Monster, als bösartiger Psychopath entpuppt? Davon handelt dieses eindrückliche Werk.
 
  Immer mal wieder gibt es Stellen in diesem komplexen, feinfühligen und gescheiten Buch, bei denen ich richtigehend innerlich gejubelt habe. Hier drei ganz willkürlich ausgewählte Beispiele:
 
  „Sechzig! Wir! Damals ein Alter, so unfassbar theoretisch wie das potenzielle Baby. Dabei werde ich in fünf Jahren auch dieses fremde Territorium erreichen – es ist so simpel wie eine Fahrt mit dem Bus. 1999 machte ich einen Zeitensprung, obwohl mir mein Älterwerden weniger im Spiegel auffiel als an den Reaktionen anderer Leute.“
 
  „Mein Kopf würde erst an einem wirklich anderen Ort ankommen, wenn ich mich in ein anderes Leben begab und nicht an einen anderen Flughafen.“
 
  „Seit Kinder nicht mehr die elterlichen Felder bestellen oder ihre inkontinenten Eltern im Alter zu sich nehmen, gibt es doch keinen vernünftigen Grund mehr, Kinder zu kriegen, und es ist kaum zu fassen, dass sich Menschen, seit es wirksame Verhütungsmittel gibt, überhaupt noch freiwillig fortpflanzen.“
 
  Vor allem das dritte Zitat illustriert bestens, dass Kevins Mutter nicht gerade von einem Kinderwunsch beseelt war. Sicher, sie hatte auch Momente, in denen sie ganz anders empfand. Wie Lionel Shriver diesen Zwiespalt schildert, zeigt, wie Eva sich hinterfragt, quält und rechtfertigt, ist nicht nur beeindruckend, sondern nachempfindbar – man wird regelrecht in diese Geschichte hineingesogen.
 
  Warum tötet ein Sechzehnjähriger? „Es ist die Sehnsucht, sich als etwas 'Besonderes' zu fühlen.“ Trotzdem töten die meisten nicht. Weil die meisten eben keine Psychopathen sind. Einige aber eben doch. Wer ist dafür verantwortlich, wer ist schuld? Doch geht es hier wirklich um eine Schuldfrage? Haben denn Eltern eine Wahl, was für Kinder sie bekommen?
 
  „Wir müssen über Kevin reden“ ist auch ein witziges Buch über die USA und die Vorstellungen nicht weniger seiner Bürger (und Bürgerinnen): „Du dachtest, du hättest einen Haudegen geheiratet. Statt dessen entpuppte sich deine Frau als Heulsuse, als genau die sauertöpfische Sorte, die sie unter den übellaunigen Überfütterten Amerikas auf keinen Fall dulden wollte, für die eine banale Tätigkeit wie das Abholen einer FedEx-Lieferung, die sie dreimal hintereinander verpasst hatten, einen unerträglichen 'Stress' bedeutete, Anlass für kostspielige Therapien und Medikamente.“
 
  „Wir müssen über Kevin reden“ ist exzellent geschrieben, intelligent, unterhaltend und anregend, ein wesentliches Buch!

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