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Bernd Roeck
Der Morgen der Welt
Geschichte der Renaissance

C. H. Beck
2018
1304 Seiten
ISBN-13: 978-3406698767
€ 44,-


Von Alfred Ohswald am 07.01.2018

  Die Renaissance wird wohl den meisten Lesern etwas sagen und sicher allen, die sich ein Buch mit über 3000 Seiten zu dem Thema kaufen. Nur kurz, Renaissance war etwa die Zeit vom 15. und 16. Jahrhundert, der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, und heißt übersetzt „Wiedergeburt“. Gemeint ist damit die Wiedergeburt der verklärten betrachteten Antike, also Rom und noch viel mehr Griechenland.
  Es ist weitgehend die Geburt unserer Moderne, Kaufleute kommen zu Einfluss und Macht und damit entsteht eine Frühform des Kapitalismus. Kurioserweise zum Großteil oft im ausgesprochen urtümlichen Konstrukt der Stadtstaaten. Berühmte Familien wie die Medici, die Borgia oder die Fugger kamen zu zeitweise enormen Reichtum und Macht. In ihrem Windschatten befördert sie Fortschritt und Kultur, um ihr Renommee zu befördern, was wiederum oft auf der anderen Seite von der katholischen Kirche gebremst wurde. Aber – vielleicht ein entscheidender Aspekt – in Europa wurde der Buchdruck in seiner heutigen Form mit auswechselbaren Lettern erfunden. Roeck sieht dann noch insbesondere auch die Diskussionskultur Europas als vielleicht wichtigsten Faktor.
  Nicht nur in der Wissenschaft revolutionierten Kopernikus, Kepler und Galilei das vorherrschende Weltbild, auch die Kunst emanzipierte sich Schritt für Schritt von der Darstellung sakraler Themen.
  In diesem Buch wird besonders darauf eingegangen, warum ausgerechnet Europa in dieser Epoche den Rest der Welt in so vielen Aspekten übertrumpfte. Besonders Asien, wie der Orient, Indiens Mogulherrscher, China oder auch der christlich-orthodoxe Kulturkreis hätten durchaus teilweise auf die eine oder andere Art mehr Potential als das mittelalterliche Europa gehabt.
 
  Bisher machte sich Bernd Roeck publizistisch in erster Linie als Spezialist über die Kunst der Renaissance bemerkbar. Besonders zu diesem Thema veröffentlichte er bereits zahlreiche Werke. So überrascht es nicht, dass auch angesichts des behandelten Zeitraums Renaissance Kunst und Kultur eine ähnlich große Rolle spielen als die Politik.
  Das populärwissenschaftliche Buch ist in recht angenehm zu lesenden, allgemein gut verständlichen Stil mit bemerkenswert wenigen Fremdwörtern geschrieben. Manchmal glänzt es sogar mit nicht ganz unwitzigen Sätzen wie „Den Hellenen nutzte, daß das gewaltige Perserreich mit seinen weitgezogenen Grenzen noch andere Probleme zu lösen hatten, als den griechischen Fröschen ihren Teich streitig zu machen.“
  Nach der kurzen Einführung holt es wirklich ausgesprochen weit aus, um die Vorgeschichte des behandelten Themas abzuarbeiten. Nämlich bei der neolithischen Revolution, dem Beginn der Landwirtschaft vor über 10.000 Jahren. Natürlich wird diese gesamte Menschheitsgeschichte im Schnelllauf beschrieben, sonst würde selbst der wahrlich nicht geringe Umfang des Buches nicht reichen. Natürlich hängt alles mit allem irgendwie zusammen oder ist vergleichbar aber dann müsste man bei genauerer Betrachtung beim Urknall beginnen. Es dauert dann tatsächlich bis Seite 450, bis der Autor im Jahr 1400 und damit bei der Renaissance angelangt ist! Es lässt sich also trefflich streiten, ob diese überlange Vorgeschichte wirklich nötig gewesen ist, zumal Roeck ab und an etwas ins Schwadronieren gerät und das Buch doch ohnehin reichlich umfangreich geraten wäre . So ist es irgendwie das Gegenstück zu Volker Reinhardts „Die Renaissance in Italien“ mit seinen 128 Seiten aus der „Wissen“-Reihe aus dem gleichen Verlag.
  Natürlich gibt es in einem Werk dieser Art ein wirklich umfangreiches Literaturverzeichnis am Ende des Buches. Manch durchschnittliche Leser hätte damit wohl sein Leben lang zu tun, für ein populärwissenschaftliches Werk auch hier ein wenig zu viel des Guten. Insgesamt aber besser so als umgekehrt an jeder Ecke zu wenig.
  Roeck versuchte sich also an einem neuen Standardwerk, er versucht sowohl Kunst und Wissenschaft als auch Politik und Kriege gleichermaßen zu berücksichtigen. Und das ist ihm mit dem umfassenden Buch auch weitgehend gelungen. Nur die allzu weit ausholende, viel unnötige Seiten verschlingende Vorgeschichte ist zu weiten Teilen überflüssig. Geschichtsinteressierte die sich dieses Buch kaufen, weisen sicher ein gewisses Grundwissen auf und darum ist es kaum sinnvoll, ihnen hier die ganze Geschichte der Menschheit nochmal im Schnelldurchlauf zu präsentieren.

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