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Barry Miles
William S.Burroughs
Eine Biografie

Ullstein
1999
400 Seiten
DM 16,90


Von Volker Frick am 19.11.2000

  Im kommenden Jahr sind es einhundert Jahre her, da H.G.Wells‘ ‚Time Machine‘ in England erschien. In den 6Ts dieses Jahrhunderts trieb sich Barry Miles in London herum. Er mitbegründete die Underground-Zeitung ‚International Times‘, lernte Allen Ginsberg kennen, war zeitweise dessen wie auch Burroughs‘ Assistent. ‚Howl‘ von Ginsberg erschien 1955, ‚On the road‘ von Kerouac 1957 und ‚Naked Lunch‘ von Burroughs 1959. Ginsberg hatte ‚Howl‘ u.a. “William Seward Burroughs, Autor von ‚Naked Lunch‘, einem endlosen Roman, der alle zum Wahnsinn treiben wird” gewidmet.
  Die Kultfigur Burroughs hat nach einem dreifachen Bypass den Anzug abgelegt und wartet in Jeans auf Außerirdische, wenn er nicht gerade schreibt oder an einem ‚Shotgun‘-Bild arbeitet. Zeitweise hat er nach einem eigenen Kalender, basierend auf dem Kalendersystem der Maya, gelebt. Er bestand aus 8 Monaten à 23 Tagen. Nach dem ersten Durchlauf kam ein weiterer Monat hinzu: Wiener Wald. Ein Jahr nach der Originalausgabe hat der Kellner-Verlag die Biographie von Miles in die deutschen Buchhandlungen gebracht. Anders als in dem Text von Carl Weissner in der von Michael Köhler herausgegebenen Burroughs-Bild-Monographie, spürt man die Nähe von Barry Miles zu Burroughs. Schön erzählt. Druckfehler passen ins Bild. Detailverliebt wird der ‚Sekretär‘ von Burroughs, James Grauerholz, zitiert: “Puh!” Gehen Sie direkt in die nächste Buchhandlung, fragen Sie nicht Ihren Arzt oder Apotheker.
  Der Einfluss Burroughs‘ auf die Rockmusik: Der australische Dichter Daevid Allen gründet 1966 die Band ‚The Soft Machine‘; Donald Fagens ‚Steely Dan‘ bezogen ihren Namen aus ‚Naked Lunch‘ (dort ist es ein Dildo); in ‚Born to be wild‘ von Steppenwolf rumort ‚heavy metal‘, ebenfalls ‚Naked Lunch‘ entliehen; auch auf dem Cover von ‚Seargent Pepper’s Lonely Hearts Club Band‘ ist Burroughs vertreten. Patricia Lee Smith, ein Tango mit Laurie Anderson, mit Wilson/Waits: “The Black Rider”. Sie kennen diese Wilhelm-Tell-Nummer, bei der Burroughs seine Frau erschoss: “Die erschreckende Schlussfolgerung drängt sich auf, dass ich ohne Joans Tod niemals Schriftsteller geworden wäre, und ich muss anerkennen, wie sehr dieses Ereignis mein Schreiben motiviert und geprägt hat.”
 Barry Miles erwähnt dann noch den UFO-Absturz 1947 in der Nähe von Roswell, New Mexico, bei dem drei Leichen geborgen wurden (dokumentiert von Kevin D.Randle und Donald R.Schmitt in ihrem ‚UFO-Crash at Roswell‘ 1991). Und auch auf der letzten Seite lässt Miles Burroughs noch einmal zu Wort kommen (aus ‚Ghost of Chance‘): “Alles geht dahin, um Platz zu machen für immer degenerierteres menschliches Vieh, mit ständig abnehmenden wilden Lebensfunken, der unschätzbaren Zutat – Energie zu Materie. Eine ausgedehnte Schlammlawine seelenlosen Schlicks.” Für Burroughs ist der Planet dem Untergang geweiht; doch Barry Miles‘ letzter Satz: “Wir können nur hoffen, dass er diesmal irrt.” Nein. Können wir nicht.

Von Volker Frick am 11.12.2000

  „Zu Naked Lunch kann man an jedem beliebigen Punkt einen Einstieg finden... Ich habe viele Vorworte geschrieben. Sie verkümmern und amputieren sich von selbst wie der kleine Zeh bei gewissen westafrikanischen Negern...“ Paranoia, Politik und die öffentliche Vorstellung von Literatur: Verschwörung. Lonesome cowboy bill. Just deserts, und Kontrollsprache das Kalendarium: 5.2.1914, St. Louis/Miss.: William Seward Burrough II. T.S. Eliot, 26.9.1888, ebenda, schrieb: „Mir scheint, dass keiner, der seine Kindheit nicht an einem großen Fluss hingebracht hat, verstehen wird, was das bedeutet.“ Für Peter Ackroyd, in seiner Eliot-Bio, zeichnen sich die Bewohner des Mittelwestens aus durch „Yankee-Zähigkeit und berührungsscheue Sensibilität“. Just desserts? Nun denn Naked Lunch: „Motel... Motel... Motel... eine flackernde Neon-Arabeske... Einsamkeit stöhnt über dem Kontinent wie Nebelhörner auf dem abgestandenen öligen Wasser von Gezeiten-Flüssen...“ Dann Tanger, Inter-Zone. Tristan Tzara zauberte Gedichte aus dem Hut. Omar Abdul Rachman, World Trade Center, sechs Tote. Souhaila Sami Andrawes Sayeh, Mogadischu, Somalia. Seid ihr alle da? CNN live aus Cynika, Ruanda. You go c’est la vie. Ein Portrait bekommt erst dann eine Bedeutung, wenn der Portraitierte tot ist. Schriftsteller werden durch die apokalyptische Gewalt der Nachrichten vernichtet. Bill ist noch nie irgendwo hineingekommen und hat gesagt, wer er ist.
  Nebeneinanderstellungen. Der verbrannte Stadtplan. Bilder von vermissten Kindern auf Milchkartons, Frauen, die Babys auf den Müll werfen, Menschen mit schmutzigen Gesichtern, die Einkaufwagen voll verpackter Dinge vor sich herschieben. Es gibt nichts, was die Leute nicht tun, und je früher du das begreifst, desto besser wird es dir gehen. Im Land der letzten Dinge, an der Front der postmodernen Subversion rettet nur das schnellste Hirn, die entropische Imagination in cinematic real: Geschichten des elektronischen Stammes. Schon schön erzählt, Barry Miles war dabei, damals in den 6T’s in London, dann Archivar und Assistent von Burroughs, später. Aber Zeit... „Zeit ist endlich und der Mensch existiert in Zeit... Der Alte Mann vom Berge fand heraus, dass Unsterblichkeit im Weltraum möglich ist, und das sind die Western Lands des Ägyptischen Totenbuchs.“ Statement im September 1982, London. „Eines schönen Tages, im September 1959“ beschreibt Miles das Entstehen des ersten Cut-up durch die Hände von Brion Gysin. Burroughs: „Wenn man’s richtig bedenkt, war natürlich Das wüste Land die erste große Cut-up-Collage, auch Tristan Tzara hatte in diese Richtung gearbeitet.“ Dann machte Brion Gysin Burroughs mit Scientology bekannt. Als sie ihn groß als Clear herausstellen, stellt er sich mit Kamera und Tonbandgerät vor ihr HQ (London, damals) und verjagt sie.
  Bill now, pay later, dann am Ende der Western Lands schallt uns entgegen: „Der alte Schriftsteller konnte nichts mehr schreiben, denn er hatte das Ende aller Worte erreicht, das Ende dessen, was sich mit Worten sagen lässt. Und dann?... Die Parade Bar in Tanger war geschlossen. Schatten der Dämmerung senken sich auf den Berg. Beeilung bitte. Wir schließen.“ Meine dringliche Empfehlung. Ein langes Leben. ECHO OFF.

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