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Chris Pavone
Der Informant
(The Travelers)

Penguin
2017
Übersetzt von Andrea Brandl
576 Seiten
ISBN-13: 978-3328101031
€ 13,-


Von Hans Durrer am 21.12.2017

  Der amerikanische Journalist Will Rhodes reist im Auftrag eines Reisemagazins um die Welt und hat Zugang zu ganz unterschiedlichen Kreisen. Er ist also ein idealer Kandidat für die CIA, die auf vielerlei Informationen angewiesen ist. Seiner Frau Chloe darf er davon nichts erzählen. Dass sie auch selber einiges vor ihm geheim hält, weiss er nicht, doch dem Leser ist das schon recht bald einmal klar.
 
  „Der Informant“ ist durchaus spannend, doch sehr langatmig und kommt leider selten über die Schilderung von Klischees hinaus. Die Frau, die Rhodes verführt, ist atemberaubend sexy (die Frauen in diesem Buch sind entweder 'auffallend attraktiv' oder 'superscharf'); für die CIA arbeiten ausgekochte Profis (zu deren Jobprofil gehört, nie nach dem Warum zu fragen), die sich selber sowieso für die besten halten. „Wir sind der grösste und erfolgreichste Nachrichtendienst in der Geschichte der Zivilisation.“ Nun gut, das ist ein Roman und kein Sachbuch.
 
  Obwohl Will Rhodes Reisejournalist ist, schreibt er offenbar nicht (oder kaum), sondern nimmt vornehmlich an für Touristen organisierten Informationsveranstaltungen teil, besucht Bars und Partys. Was die CIA sich von diesem Mann verspricht, bleibt unerfindlich. Auch ist bis auf Seite 247 nicht klar, was genau der Geheimdienst von ihm erwartet. „Du wirst die Party eines der reichsten und gleichzeitig korruptesten Männer des gesamten Planeten besuchen. Er zeigt gerade aller Welt seinen Reichtum, kauft Jachten und sogar ganze Inseln. Aber die ganze Angeberei nützt schliesslich nichts, wenn keiner da ist, der es mitbekommt, richtig? Deshalb wird er garantiert seine wichtigsten Geschäftspartner dazu einladen, sowohl die gesetzestreuen als auch die ... äh ... weniger gesetzestreuen. Wir wollen wissen, wer diese Leute sind, und du wirst uns dabei helfen, indem du sie fotografierst, jeden Einzelnen, selbst diejenigen, die nicht fotografiert werden wollen. Die vor allem.“
 
  Wieso ein Reisejournalist zu einer solchen Party eingeladen werden sollte, ist mir einigermassen schleierhaft. Und dass die CIA nicht weiss, wer die Geschäftspartner dieses Mannes sind, ist noch schleierhafter. Andererseits: Wer Tim Weiners Geschichte der CIA gelesen hat, dem ist keine CIA-Unbedarftheit mehr fremd.
 
  Ärgerlich fand ich die Pseudo-Weltgewandtheit, die das ganze Buch durchzieht, sei es in Form von Sprachfetzen („Qué quieres?“; „De rien“; „Buonasera“ bis zum inexistenten „llelo“, das wohl „hielo“ heissen sollte), sei es, dass die Schauplätze (Stockholm, Capri, New York, London, Mendoza, Paris etc.) internationaler kaum sein könnten, doch erfährt man von der Atmosphäre dieser Städte so ziemlich gar nichts.
 
 Und wo bleibt das Positive?
  Ich habe keine Ahnung, wie das Zeitungsverlagsgeschäft in New York funktioniert und nehme jetzt einfach mal an, der Autor, der laut Klappentext viele Jahre als Lektor gearbeitet hat, kenne sich da aus, seine Darstellung der Branche sei also einigermassen realistisch und nur leicht überzeichnet. Er beschreibt eine Welt der grossen Egos, der Eitelkeiten und Wichtigtuer, die man so recht eigentlich nur als absurdes Theater begreifen kann: „Dass einer der Chefredakteure mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, ist im Verlag tatsächlich verpönt. Ebenso ist ein No-Go, in Fastfood-Läden zu essen. Oder mit Fluggesellschaften zu fliegen, die keinen Rabatt gewähren. Dazu kommen diverse Bekleidungsvorschriften, die sich vornehmlich um die Grösse von Markenlogos drehen. In Malcolms Arbeitsvertrag ist genau festgehalten, welche Logos erlaubt und welche verboten sind ...“.
 
  Irgendwann hat es offenbar auch dem Autor gedämmert, dass Reisejournalismus wohl kaum einen solchen Lebensstil erlaubt – wie das Rätsel gelöst wird, soll hier jedoch nicht verraten werden.
 
  Es gibt aber auch wirklich gute Szenen in diesem 567 Seiten starken Buch: Etwa wie sich eine Frau gegen einen zudringlichen Kotzbrocken in der U-Bahn wehrt (Seiten 187 bis 191) – das lässt einem das Herz vor Freude hüpfen.
  Gefallen haben mir zudem Sätze wie diese: „Er hält sich das Handy vors Gesicht und nimmt jene typische Pose ein, die vor zehn Jahren praktisch kein Mensch kannte.“
  Oder diese: „Jeder spielt eine Rolle. Immer. Man lächelt und lacht, sagt: 'Freut mich, Sie kennenzulernen' und 'Ach, das ist aber toll'. Man trägt dies und nicht jenes, hält den Mund, obwohl man am liebsten ganz laut schreien würde, sagt Dinge, von denen man weiss, dass sie nicht stimmen. Auch du tust das, Will, jeden Tag, und auch schon, bevor du mir begegnet bist. Wir alle tun das. So funktioniert unsere Gesellschaft. So funktioniert das Leben. Alles nur Show.“

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