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Ulli Lust
Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein

Suhrkamp
2017
367 Seiten
ISBN-13: 978-3518468135
€ 25,-


Von Alemanno Partenopeo am 11.12.2017

  Die Autorin und Zeichnerin machte schon mit ihrem autobiographischen Erstlingswerk „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“auf sich aufmerksam. In ihrer neuen Geschichte geht es um eine klassische „menage a trois“, wobei sich die Protagonistin von dem einen Mann die Liebe holt und von dem anderen den Sex. Letzterer ist aus Afrika und dabei werden natürlich auch ausbeuterische und kolonialistische Verhältnisse offenbar, denn dass Kim, der Afrikaner, am Ende der Beziehung immer gewalttätiger und verrückter wird hat wohl weniger mit seiner Herkunft zu tun, als vielmehr mit den Verhältnissen in die er geboren wurde und mit den Frauen, die solche Machtkonstellationen durch ihr Verhalten sogar noch unterstützen.
 
 Ein bissl zu wenig
 
  Georg, ihr österreichsicher Freund, ist fast 20 Jahre älter als sie und als er sich zu sehr an die Beziehung gewöhnt hat und seine sexuellen Ambitionen zusehends versiegen, einigen sich beide darauf, dass sie fremd gehen darf. Natürlich hat sich George nicht unbedingt einen Afrikaner erwartet, aber selbst von den Sechziger beeinflusst, ist er sehr tolerant und akzeptiert die Bedürfnisse seiner Freundin und so werden auch sie so ein „osmotisches Paar“, wie Georg von Jean-Paul Sartre und Simon de Beauvoir erzählt. Ulli Lust thematisiert auch den alltäglichen Rassismus, etwa wenn sie im Prater, dem Wiener Vergnügungspark, eine Hau-den-Lukas-Figur zeigt, die geschlagen werden soll und – natürlich! - wie ein Afrikaner aussieht, worüber sich Kim gerne aufregt. Kim, der aus Lagos stammt, kommt genauso zu Wort und Ulli Lust versucht auch seine Sicht der Dinge zur Geltung zu bringen, er wird also keineswegs nur als Lustobjekt gesehen, obwohl es manchmal schon durchklingt, dass der Kolonialismus die Beziehung der beiden durchdringt: „Vier Wochen ist Georg nun schon fort. Ich vermisse ihn fürchterlich. Mit Kim kann ich nur über diese Themen reden: Liebe, Sex, Afrika, Autos, Fußball... bissl wenig.“
 
 Ulli Lust: Authentisch, echt und voller Einfühlsamkeit
 
  Aber auch das soziale Umfeld im Wien der Neunziger wird quasi „mitkoloriert“. Als sie mit Georg den Wolfgang, einen Freund, besucht, wird dessen Frau in der Küche von zwei anderen Freunden beim Pudding kochen penetriert. Als sie ihm das mitteilt, erwidert dieser nur: „Ja, wenn es ihr gefällt.“ und sogleich serviert sie den fertigen Pudding. „Jede Komödie ist eine unvollendete Tragödie“, zitiert Georg an anderer Stelle den großen Shakespeare und auch „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ wird schließlich zu einer solchen. Denn spätestens nach der Hochzeit mit Kim, verhält sich dieser zusehends besitzergreifender und gewalttätiger, da er mit der ungelösten Situation mit Georg und Ulli’s Lebensstil als selbständige Künstlerin immer weniger zurecht kommt. Ein sehr intimes, ehrliches Porträt einer unmöglichen Situation mit all ihrer Implikationen. All jenen empfohlen, die sich immer noch Illusionen machen und glauben, dass es bei ihnen ja alles ganz anders sei. Authentisch, echt und voller Einfühlsamkeit.

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