Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Irene Dische
Schwarz und Weiss

Hoffmann und Campe
2017
496 Seiten
ISBN-13: 978-3455404777
€ 26,-


Von Hans Durrer am 10.12.2017

  Ich bin sofort drin, in diesem Buch, und das hat mit dem Ton, der Sprache, dem Rhythmus, dem Humor zu tun, diesem mich sehr ansprechenden Humor, der keine Angst hat vor diesen korrekten Langweilern, die vielen öffentlichen und nicht so öffentlichen Debatten den Riegel vorgeschoben haben und damit mitverantwortlich sind für die Aggressionen, die jetzt aus allen Löchern gekrochen kommen. „Wenn ich rauchte, hustete sie, um zu zeigen, dass mein Rauchen sie stört, aber weil ihr Husten mich nicht störte, rauchte ich weiter.“
 
  „Schwarz und Weiss“ ist die Geschichte von Lili und Duke Butler, einem auch in New York höchst ungewöhnlichen Paar, das sich in Kenia kennengelernt hatte. Duke ist schwarz, stammt aus einfachen Verhältnissen, aus dem Süden, „wo der staatlich sanktionierte Menschenbesitz sich schon immer grosser Beliebtheit erfreut hatte. Im Süden heirateten die Leute und blieben zusammen, bis sie ihren Ehepartner satthatten, und dann brachten sie ihn um.“ Lili ist weiss, die Tochter eines Komponisten und einer Journalistin aus dem New Yorker Kulturkuchen, die Duke anfänglich für einen Nachkommen Jeffersons halten (wollen), bis sich dann nach und nach herausstellt, dass die Dinge etwas anders liegen. Zum Brüllen komisch anders, inklusive einer vierhundertpfündigen Schwester, die sich zu wehren weiss.
 
  Lilis Eltern, Vlado und Bucky Stone, verschaffen Duke eine Anstellung bei einem Weinhändler namens Perkins, der ihn in gerade mal einem Monat von einem blutigen Laien in einen jungen Experten verwandelt, während Lili, die als Krankenschwester arbeitet, seine New Yorker Grundausbildung übernimmt. In der Folge entwickelt sich Duke zur Wein-Legende und Lili macht Karriere als Model. Beide sind auf ihre jeweils eigene Weise höchst eigen: Lili, von abrupten Stimmungswechseln gebeutelt, Duke, ein Verdränger erster Güte – „normal“ ist anders.
 
  „Schwarz und Weiss“ ist die Geschichte der ganz aussergewöhnlichen, aberwitzigen und tragischen (und unwahrscheinlichen) Liebe zweier Menschen, die gegensätzlicher kaum sein könnten und sich gleichwohl die meiste Zeit ihrer Ehe allerbestens ergänzen. Erzählt wird aber auch vom New York der 1970er,1980er und 1990er, wozu natürlich, neben Aids, Kokain, Crack und Klagen/Anwälten auch die Therapie gehört, die offenbar dann am besten gelingen kann, wenn Therapeut und Patientin sich gegenseitig zu schmeicheln wissen, sowie, es versteht sich, das Geld. „Er kannte den Code: Sei höflich zu denen, die finanziell über dir stehen. Im Land der Freien gab es, wie er wusste, keine Ausnahmen. Selbst die grösste Diva legte den Hörer nicht auf, wenn der Opernintendant in der Leitung war.“ Und natürlich auch der Snobismus, der intellektuelle und der auf Geld gegründete.
 
  Zwischendurch lässt sich auch immer mal wieder Dukes Mutter vernehmen, um die Dinge aus ihrer Sicht zu schildern. „Soll ich mich jetzt vorstellen? Mein richtiger Name ist Jutta, Jutta Brolin. Für mein Alter sehe ich phantastisch aus. Ich bin blond, Single, Raucherin und verstehe was von engen Jeans. Mit Cowboystiefeln. Manchmal hört jemand meinen leichten Akzent und fragt, wer ich 'wirklich' sei. Wenn ich nicht sage 'Verpiss dich', sage ich: 'Griechin'. Eine Notlüge. Bei Deutschen gehen die Leute immer vom Schlimmsten aus.“
 
  „Schwarz und Weiss“ (hervorragend übersetzt von Elisabeth Plessen) ist ein dichtes Buch, spannend erzählt und überaus witzig. Es gibt da so viele wunderbar gelungene Sätze, dass man sie so recht eigentlich gleich alle zitieren möchte. Über die Beziehungslosigkeit zwischen Tochter, Vater und Mutter: „Was sie verband, war die Vorliebe für Camels, die sie nach ihrem Auszug an die Uni von ihm übernommen hatte, um ihm auf ihre Art nahezubleiben. Seine Frau rauchte Kents.“ Über Journalismus: „Da sie nicht das Geringste von Essen und Trinken verstand, hatte sie einen unvoreingenommenen Blick. Ein Journalist braucht nur den Verstand von jemandem, der ihm alles erklärt.“ Über Tagträume: „Als es noch keine elektronischen Spielzeuge gab, waren Tagträume ein beliebter Zeitvertreib. Sie waren gebührenfrei, mobil, unterlagen keiner Zensur und mussten nicht bestellt oder nachgeladen werden.“ Über Drogensüchtige: „Niemand ist geschäftiger als ein Drogensüchtiger, der ständig das beschaffen muss, was er braucht. Nur die mit dem klarsten und schärfsten Verstand halten sich in diesem Job, der so anstrengend ist, wie eine Doppelschicht im Krankenhaus.“
 
  Herrlich auch Irene Disches (realistischer) Sarkasmus, der sich durchs ganz Buch zieht. So beginnt etwa Vlado sich im fortgeschrittenen Alter für junge Männer zu interessieren. „Die solide Konstruktion ihres täglichen Lebens erwies sich als zu schwach, um das Schnauben eines älteren Mannes zu ertragen, der vom Sofa der Routine aufgesprungen war.“ Im Gegenzug entdeckt Bucky im Ostblock aufstrebende Schriftsteller mit hohen Wangenknochen. Und als Mister Perkins sich auf die Suche nach Dukes Schwester nach Florida aufmacht, liest sich das so: „Er hatte sich am Flughafen einen kleinen Wagen reserviert, aber die Autovermietung hatte keinen mehr, so musste er sich mir einem mittelgrossen Spritsäufer abfinden. Acht Zylinder sind nicht gerade sinnvoll in einem Landstrich voller Greise, in dem jeder innerhalb des Tempolimits fährt und an Kreuzungen Staus entstehen, weil alte Knacker anhalten und nachdenken, bevor sie abbiegen.“
 
  Robyn Davidson bemerkte einmal, sie schreibe, um die Welt für sich wirklicher zu machen. Daran musste ich bei „Schwarz und Weiss“, diesem wunderbar scharfsinnigen, illusionslosen Porträt unserer haarsträubend absurden Welt, immer mal wieder denken, denn mir kam es vor, als ob ich am realen Leben teilhaben würde – so schön ist das alles erfunden. Ein grandioses Buch!

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.