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Jaroslav Kalfar
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
(The Spaceman of Bohemia)

Tropen
2017
Übersetzt von Barbara Heller
367 Seiten
ISBN-13: 978-3608503777
€ 22,-


Von Hans Durrer am 03.12.2017

  Im April 2018 erhebt sich die 'JanHus1', das erste Raumschiff in der tschechischen Geschichte, in den Himmel. An Bord befindet sich ein einziger Raumfahrer, der Professor für Astrophysik Jakub Procházka, der über Erfahrung in der Erforschung interstellaren Staubs verfügt. Seine Weltraum-Mission, die durch unermüdliches Product-Placement finanziert und live übertragen wird, besteht darin, das Rätsel einer seltsamen kosmischen Staubwolke zu lösen.
 
  À propos Product-Placement: Wir leben bekanntlich in Zeiten, in denen als normal gilt, dass Alles und Jedes von privaten Sponsoren finanziert werden soll. Wie absurd Werbung, PR und was es sonst noch alles gibt, das uns verleiten soll, unsere Konsumbedürfnisse zu aktivieren, beschreibt Jaroslav Kalfar wunderbar witzig (und realistisch): „Mein offizielles PR-Team – ich kannte die Leute grösstenteils gar nicht; sie sahen aus, als hätten sie gerade ihre Immobilienmakler-Lizenz erworben – tourte durch Europa und erzählte von meiner Tapferkeit, davon, wie wichtig es sei, weiterhin Weltraumforschung zu betreiben, und von meiner Vorliebe für Boxershorts.“
 
  Bedauerlichweise wird Jakub durch den Aufenthalt im All auch seiner Liebsten, Lenka, entrissen, mit der er fortan nur mittels Videoschaltung zu kommunizieren imstande ist. Doch dann macht sie Schluss mit ihm („Lenka hatte sich davongemacht und lebte jetzt woanders, anonym, wie sie mindestens glaubte. Ich empfand keine Freude darüber, dass sie zufrieden zu sein schien, ein ruhiges, zurückgezogenes Leben führte – in meinem Kopf war Platz für nichts anderes als Egoismus, Hunger nach Gewissheit, Mutmassungen darüber, womit ich Lenka vertrieben hatte.“) und ein fremdartiges Wesen, haarig und achtbeinig, macht sich im Raumschiff bemerkbar, das ihn unter anderem fragt: „Ich habe beobachtet, dass du vom Tod träumst. Das hat etwas Angenehmes, Erleichterndes. Warum, dünner Mensch?“
 
  Der Blick aus dem All erlaubt Jakub auch einen distanzierten Blick auf sein Land wie auch auf seine Kindheit und Jugend, die er bei seinen Grosseltern in dem kleinen Dorf Streda verbrachte, da die Eltern (der Vater war ein überzeugter kommunistischer Geheimpolizist gewesen, was Jakubs Leben im nunmehr kapitalistischen Böhmen nicht einfach machte) bei einem Seilbahnunfall ums Leben kamen.
 
  „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“, teilweise eine Auseinandersetzung mit der jüngsten tschechischen Geschichte, andererseits ein skuriller Science Fiction, besticht vor allem durch die Fabulierkunst des geborenen Erzählers Jaroslav Kalfar, dem immer mal wieder so wunderbar witzige Passagen gelingen wie diese:
 
  „Nach Sigmund Freud wäre Halluzinationen Ausdruck von unbewussten Wünschen, Perversionen und sogar Selbstgeisselung, wohingegen sie der Auffassung modernerer, weniger egobesessener Psychologen zufolge mit metakognitiven Fähigkeiten oder dem 'Wissen um das Wissen' zusammenhingen. Dr. Kurák war überzeugter Freudianer und hatte als solcher darauf beharrt, dass im Fall einer Krise während meines Aufenthaltes auf 'JanHus1' der ganze Mythos meiner Kindheit aufbrechen und die dunklen Korridore des Schiffs mit Horror-, Angst- und Lustvisionen erfüllen würde, mit Bildern vom nackten Körper meiner Mutter, dem erigierten Glied meines Vaters, Träumen von fehlgeleiteter Gewalt und, ja, vielleicht sogar von einem 'Freund'. Doch welche Theorie auch immer – sie änderte nichts an meiner misslichen Lage. Dr. Kuráks Wahnsinnsprophezeiungen schienen sich zu erfüllen.“
 
 
  „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ ist ein cleveres, anregendes und auch philosophisches Buch eines begnadeten Fabulierers. „Was, wenn unsere Existenz aber nun selbst Gegenstand eines Wahrscheinlichkeitsexperiments des Universums ist?“, fragt sich Jakub.

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