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Frédéric Pajak
Ungewisses Manifest 3

edition clandestin
2017
220 Seiten
ISBN-13: 978-3905297836
€ 35,-


Von Hans Durrer am 03.12.2017

  Hätte der Verlag nicht angefragt, ob ich Interesse hätte, dieses Buch zu besprechen, wäre ich vermutlich nie darauf gestossen, was ich jetzt, wo ich es gelesen habe, bedauert hätte.
 
  Doch von Anfang an: Zeichnungen und Geschichten? Ich war mir nicht sicher, doch abgeneigt, mir das Ganze anzuschauen, war ich auch nicht. Als ich dann das Buch in der Hand hielt, die ersten Bilder betrachtete, die ersten Texte las, fühlte ich mich sowohl von den Zeichnungen als auch von den Texten (beide können auch unabhängig voneinander bestehen) sofort angesprochen. Da beschrieb einer, so schien es mir, meine Generation, jedenfalls einen Teil davon, und zwar den Teil, mit dem ich was anfangen kann. Das liegt unter anderem an Sätzen wie diesen, deren Geist mir nahe ist.
 
  „Bis jetzt habe ich aus meinem Leben gemacht, was ich konnte. Von dem, was ich wollte, hatte ich wenig vollbracht. Vielleicht liegt es an meiner Lässigkeit oder meiner mangelnden Lust auf Glanzleistungen.“ Oder diesen: „Ich glich meinen Freunden, meinen Kameraden, meinen Geliebten, den Zeitgenossen einer Gesellschaft, die bald vollkommen und weltweit materialistisch sein sollte.“ Oder diesen: „Ich bin also imitten armseliger Ideen und falscher Gefühle aufgewachsen. Ich war unfähig, etwas dagegen zu tun.“
 
  Dann wendet er sich Walter Benjamin zu, dessen Lage in Paris sich verschlechtert, als Hitler im März 1939 das Protektorat Böhmen und Mähren schafft und in der Folge Tausende nach Frankreich fliehen. Mit anderen zusammen wird Benjamin in „ein Lager für freiwillige Arbeiter“ nach Vernuche verfrachtet. Mit wenigen Worten (die Zeichnungen tragen einen wesentlichen Teil dazu bei), gelingt es Frédéric Pajak die damalige Situation zu erahnbar zu machen, in welcher der starke Raucher Benjamin mit dem Rauchen aufhören will. Einem Freund gegenüber, der ihn darauf hinweist, dass dies wohl nicht der richtige Moment sei, antwortet er mit diesen verblüffenden, höchst klarsichtigen Worten: „Ich kann die Zustände im Lager nur ertragen, wenn ich gezwungen bin, meine geistigen Kräfte ganz und gar auf eine gewaltige Anstrengung zu konzentrieren. Das Rauchen aufzugeben kostet mich diese Anstrengung, und so wird es mir zur Rettung.“ Dieses Zitat ersetzt ganze Bibliotheken von Sucht-Literatur.
 
  Dann leitet Pajak zu Ezra Pound über, lässt ganz unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen, von William Carlos Williams über William Butler Yeats zu Ernest Hemingway – in kurzen und prägnanten Zitaten. Das ist anregend, ermuntert dazu, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Mich spricht diese Vorgehensweise auch deswegen sehr an, da sie insinuiert, ein Gesamtbild sei nicht zu haben, weil es ein solches gar nicht geben kann – zu komplex und unfassbar sind wir Menschen. Ob das auch wirklich Frédéric Pajaks Intention war, vermag ich natürlich nicht zu sagen, beschäftigt mich auch nicht besonders, ich halte nur fest, wie das alles auf mich wirkt.
 
  Zurück zu Walter Benjamin, der sich zurück in Paris überlegt, nach Amerika zu emigrieren. Auf dem Formular, das ihm vom amerikanischen Konsultat ausgehändigt wird, steht auch die Frage: „Sind Sie Priester irgendeiner Religion oder Professor in einem Gymnasium, einem Seminar, einer Akademie oder Universität?“ Die Akten von Verwaltungsvorgängen zu studieren, sagt mehr über ein politisches System aus als die Reden seiner Repräsentanten.
 
  Frédéric Pajak berichtet von seinen Besuchen in Marseille. Schnörkellos. Das Essen dort schildert er sehr anders als was man sonst so von der französischen Küche zu lesen bekommt. Dann ein neuer Schwenker zu Pound, der meint, die Universität sei nur dazu da, um „Routine und Dummheit“ fortzusetzen .... Doch, Halt ... ich will hier nicht das ganze Buch nacherzählen, sondern darauf hinweisen, dass ich das Eintauchen in „Ungewisses Manifest 3“ als Bereicherung empfinde – auch natürlich, weil ich von Pound bisher kaum mehr wusste als dass er Mussolini-Anhänger war und von Benjamin nur 'Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit' gelesen hatte (und keine richtige Erinnerung mehr daran habe), aber eben auch wegen Passagen wie dieser:
 
  „März 1917. – Pound wird Auslandredaktor der 'Little Review' unter der Leitung von Jane Heap und Margaret Anderson. Letztere lässt die Blätter der halben Ausgabe leer erscheinen, wenn sie die Texte als zu schlecht erachtet.“
 
  Es ist dies übrigens mein erstes Zeichnungen/Texte-Buch und ich bin verblüfft, wie sehr ich davon angetan bin, denn der Blick von den Wörtern auf die Zeichnungen und umgekehrt tut sowohl meinen Augen wie auch meinen Hirn gut – beide fühlen sich entspannter als beim Nur-Lesen/Nur-Betrachten.
 
  Ein sehr eigenes, unprätentiöses und damit wirklich originelles Buch. Grossartig!

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