Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
James Douglas
Zu früh zum Sterben

LangenMüller
2017
400 Seiten
ISBN-13: 978-3784434216
€ 15,99


Von Hans Durrer am 19.11.2017

  Dem neuesten Thriller von James Douglas, dem mit Sicherheitsfragen bestens vertrauten Anwalt, liegt eine wahre Begebenheit zu Grunde, der sogenannte Bunkerprozess von 1950. Bei Schweizer Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden 1946 gravierende Baumängel festgestellt. Die dafür verantwortlichen Militärs und Baufirmen wurden in einem Prozess, der 1950 stattfand, zu milden und meist bedingten Strafen verurteilt.
 
  Drei Jahre nach dem Prozess geschieht in der Nähe von Bern ein Doppelmord. Der Täter, ein bekannter Schwinger (und damit ein Schweizer Nationalheld), Hans Neidegger, wird für den Mord an seinen Eltern im Gefängnis Thorberg verwahrt und dort von den Wärtern schikaniert. Wie James Douglas eine brutale Schlägerei in der Strafanstalt schildert, zeigt eindrücklich, dass er das Spannungshandwerk beherrscht; was er weniger beherrscht, sind Beziehungsschilderungen, die ihm arg klischeehaft geraten sind.
 
  15 Jahre später bekennt sich ein in der Strafanstalt Bochuz Einsitzender zu diesem Mord. Der ehemalige FBI-Agent Ken Cooper wird vom Schweizerischen Justizdepartement nach Bern gerufen – er soll dem Fall nachgehen. Dabei stösst er auch auf die Militärakten des Bunkerprozesses und fragt sich, ob es zwischen der schweren Explosion, bei dem zwölf Soldaten den Tod fanden, und dem Doppelmord einen Zusammenhang geben könnte.
 
  Ob „Zu Früh zum Sterben“ auch eine historisch-kritische Aufarbeitung des Bunkerprozesses ist, sagt der Autor zwar nicht, doch das übliche schweizerische Gemauschel (in so einem kleinen Land, kennen sich die einflussreichen Leute) ist treffend geschildert und dass es damals unter den Vermögenden Nazi-Kollaborateure gegeben hat, ist mehr als ein offenes Geheimnis.
 
  Wie immer bei James Douglas ist das alles packend geschildert, doch den besonderen Reiz von „Zu früh zum Sterben“ macht die gelungene Schilderung der Schweiz der 50er und 60er Jahre aus, in der noch alle rauchten (Brissagos!), es Bäckereien mit Tea Room gab und die Stammtischler den Gruss von Fremden in der Gaststube mit Knurren quittierten. Der Sohn des ermordeten Ehepaars war ein Mischling (die Mutter stammte aus Kamerun, war sehr hübsch und wurde als Negerhure beschimpft) und hatte es schwer, sich in der traditionsbewussten Schwingerszene durchzusetzen.
 
  Überhaupt ist die Lektüre für Schweizer beziehungsweise für Leute, die mit schweizerischen Gegebenheiten vertraut sind, besonders anregend, einmal wegen der Bezugnahmen auf Friedrich Dürrenmatt oder auf die Berner Fliege (den Boxer Fritz Chervet, der im Buch Chaudet heisst). Und auch wegen Szenen wie dieser, die wunderbar auf den Punkt bringen, worauf es ankommt, wenn man Land und Leute und sich selber verstehen will: „Ich wandere regelmässig, mache bei den Höfen Halt, spreche mit den Bauern. Wenn ich marschiere, spüre ich diesen Fluss in mir, einen Rhythmus mit jedem Schritt. Er bewirkt, dass sich vieles klärt, die Angelegenheiten meines Amtes, die Gerichtsfälle, Bilder erscheinen vor meinen Augen, die mir helfen Entscheidungen zu fällen ... Nun, genug davon“, äussert sich Richter Kerner. Nur ja nicht zuviel sagen, das ist auch sehr schweizerisch.
 
  „Zu früh zum Sterben“ ist ein fesselnder Thriller, dem leider ein aufmerksames Lektorat fehlte. So wird etwa Mara Milani, die Freundin von Ken Cooper, als EJPD Psychologin eingeführt (Seite 20), in der Folge jedoch als Psychiaterin bezeichnet (Seiten 65, 171). Auch gehen Alkoholiker zum Entzug eher nicht in eine „Ernüchterungsanstalt“ (Seite135), auch wenn der Aufenthalt in einer Trinkerheilanstalt, wie solche Einrichtungen einmal hiessen, für einige durchaus ernüchternd sein dürfte. Zudem gibt es Formulierungen, die mehr als nur gewöhnungsbedürftig sind: „Als ich das Gespräch aufgehängt hatte ... (Seite 176 – gemeint ist wohl der Telefonhörer).
 
  Doch das sind Details, aufs Ganze gesehen ist „Zu früh zum Sterben“ wiedereinmal ein echter James Douglas. Und das meint: Ein clever gebauter Page-Turner, der geradezu nach einer Verfilmung schreit!

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.