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Dario Fo
Christina von Schweden
Eine Hosenrolle für die Königin

Hollitzer Verlag
2017
Übersetzt von Johanna Borek
160 Seiten
ISBN-13: 978-3990124222
€ 21,90


Von Hans Durrer am 19.11.2017

  „Diese Geschichte handelt von einer 'unmöglichen Königin', einer gebildeten und rebellischen, einer beherzten und unberechenbaren Herrscherin, die so bewundert wie angefeindet wurde“, beginnt Dario Fo, der 2016 im Alter von neunzig Jahren in Mailand verstarb, diesen seinen letzten Roman.
 
  Geboren wurde Christina von Schweden 1626 in Stockholm, zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges, der den europäischem Kontinent verwüstete. Militärisch war Schweden damals eine Grossmacht, wirtschaftlich und sozial hingegen recht rückschrittlich.
 
  Die der Geburt beiwohnenden Hofdamen glaubten zuerst, es sei ein Junge, doch: „Nachdem ihm die Hebamme einen Klaps aufs Hinterteil versetzt hatte, fing es, statt wie Neugeborene sonst zu weinen, angeblich laut zu lachen an. In der Tat eine angenehme Art, sich zu präsentieren, und dem König schien der Gedanke, dass ihm eine Frau auf den Thron folgen sollte, nicht im Geringsten unangenehm, ganz im Gegenteil“, kommentiert Dario Fo.
 
  Christina entwickelt sich zu einer burschikosen Frau, eigenwillig und durchsetzungsfähig, sie will nicht heiraten (und partout überhaupt nichts von dem tun, was von ihr erwartet wird), ist sowohl Männern wie auch Frauen zugetan, sehr an Philosophie und Theater interessiert. Sie holt Descartes an den Hof, hat anregende Gespräche mit Molière, verzichtet auf den Thron und und und ... Sie spielt eine Rolle und verweigert sie auch ...
 
  Wie viel an dieser Christina Dichtung und Wahrheit ist, entzieht sich mir, doch wie Dario Fo mit dieser Frage umgeht, sagt mir zu. „Wie wurde die kleine Christina erzogen? Sie erzählt es uns selbst in ihren Memoiren, in denen sie, wie es der literarischen Gattung entspricht, ihre Vergangenheit schildert und damit ein öffentliches Bekenntnis ablegt und uns gleichzeitig ihre eigene Version der Konflikte und Schwierigkeiten in ihrem Leben liefert (...) Es sei mir die Bemrkung gestattet, dass ich im Gegensatz zu anderen von der Glaubwürdigkeit dieses Textes nicht überzeugt bin. Mir scheint es sich eher um eine Verteidigungsstrategie zu handeln ...“.
 
  Christina verliebt sich in ihren Cousin Magnus, dieser wiederum verliebt sich in seine Cousine Euphrosine, an der auch Christina Gefallen findet. Sie stellt Magnus zur Rede, der unumwunden zugibt, dass ihm Euphrosine gefällt, worauf Christina meint: „In einer anderen Situation hätte ich dir vielleicht eine Eifersuchtsszene hingelegt, die alle Palastwachen alarmiert hätte. Aber nicht in diesem Fall ... Ihr beide seid so offen und aufrichtig, dass mir jede Lust auf einen Wutanfall vergangen ist.“
 
  In der Folge schickt sie Magnus als Botschafter nach Paris. Dazu Dario Fo: „Einige Historiker sind der Auffassung, Christina habe sich nach der Abreise von Magnus in ein Zimmer eingeschlossen und bitterlich geweint. Mir aber gefällt eine andere Erzählung besser.“ Was für eine wird hier natürlich nicht verraten.
 
  Dario Fo habe Christina „mehr als nur ein wenig erfunden“, schreibt die Übersetzerin Johanna Borek im Anhang. Im Nachwort lässt sich dann der emeritierte Universitätsprofessor Ulf Birbaumer kenntnisreich über den Literaturbegriff sowie das Theater von Dario Fo und seiner Frau Franca Rame aus, um dann zum Schluss seiner Ausführungen wunderbar stimmig das Dankeswort Fos anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur zu zitieren: „Königliche Hoheiten, unterstützt das Theater, wie es Christine vorgemacht hat. Vor allem das ironische Theater, denn das Lachen ist das Bewusstsein des Menschen.“

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