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Ingeborg Gleichauf
Poesie und Gewalt
Das Leben der Gudrun Ensslin

Klett Cotta
2017
350 Seiten
ISBN-13: 978-3-608-94918-6
€ 22,-


Von Alemanno Partenopeo am 15.11.2017

  Schön, jung und ...gewalttätig. Die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin gehörte in den Sechzigern zur Führungsspitze der terroristischen RAF und wird gemeinhin auch als eine von „Hitler’s Children“ (Jillian Becker) gehandelt, die sich schon früh radikalisierte, um die Welt aus den Angeln zu heben. „Puren Essentialismus“ wirft die Autorin, Ingeborg Gleichauf, die sich in einer vielbeachteten Biografie zu Gudrun Ensslin einen Namen gemacht hat, Jillian Becker vor, wenn sie versucht, Ensslin zu charakterisieren. Gleichauf entlarvt einen ziemlich schlampig arbeitenden Journalismus, der Ensslin & Co pauschal „suizidalen Narzissmus“ vorwirft, ohne dafür Argumente zu liefern. Vielmehr sollte man sich doch Gedanken machen, wie es überhaupt möglich war, dass das intellektuelle Bürgertum Nachkriegsdeutschlands für gewaltbereite Radikalisierung überhaupt aufnahmefähig war. Auch wenn vieles über Gudrun Ensslin bekannt sei, die Person sei selbst bis heute eine Unbekannte geblieben. Und dieses Manko behebt die Autorin eindrucksvoll mit einer neuen Form der Biographie, für die sie schon viel Lob bekam.
 
 Vorurteile und Verleugnungen
 
  Oft wird man von „vorgeprägten Erzählungen“ vereinnahmt und sehe dann den Baum vor lauter Bäumen nicht mehr. „Auch wenn die meisten Menschen mit einer wie Gudrun Ensslin nicht zu tun haben wollen, zeigt doch gerade sie, zeigt ihre Biografie beispielhaft, wie schnell ein Weg in die Irre führen kann (...).“ Schon Ensslins Vater hatte sich in seinen Predigten gegen das „nationalsozialistische Neuheidentum“ geäußert und war deswegen denunziert und nach dem Heimtückegesetz vor dem OLG Stuttgart angeklagt worden. Ensslin kam während des Krieges, am 15. August 1940 auf die Welt und sei trotz den Umständen ein fröhliches Kind gewesen. Früh habe sie von Menschen ihrer Umgebung gelernt, dass es auch welche gibt, die für ihre Überzeugungen bereit waren einzustehen und vielleicht habe gerade das sie nachhaltig geprägt. Auch wenn ihre eigen Mutter sie in einem Radio-Feature später als „totalitären Charakter“ denunziert, weiß man ja ohnehin, dass gerade im Nachkriegsdeutschland Harmoniesucht und Rückkehr zur Normalität der eigentliche Totalitarismus war. Denn über die Vergangenheit während des Reichs wurde nur wenig gesprochen. Das nahm erst die Generation der Ensslin und Baders in die Hand. „Klar ist: Spinnereien, Utopien, verrückte Ideen haben in einem solchen Bildungsplan keinen Platz. Größtmögliche Anpassung ist das Ziel jener Jahre“, schreibt Gleichauf über die Jahre nach der Stunde Null.
 
 Poesie gegen Gewalt
 
  Die Sportskanone Ensslin (1953 erreichte sie die höchst Punktezahl bei den Bundesjugendspielen ihres Jahrgangs) darf 1957/58 als Austauschschülerin auf die Warren Highschool nach Pennsylvania/USA und konstatiert dort einen „Zwang zur Perfektion“ ihrer Mitschülerinnen, jedenfalls beherrscht sie schnell das Theatralische, das die Amerikaner „so gut können“, wie Gleichauf recherchiert. Die Maturantin will dann zunächst Lehrerin werden, wobei ihr Begabungsschwerpunkt auf Sprachen, Gesellschaftswissenschaften, Musik und Deutsch lag. Aber auch Mathematik war ihr vertraut. Wenig später an der Uni werden ihr sogar „Einfühlungsvermögen und die Befähigung zu klarem Denken“ attestiert, fröhlich und offen sei sie gewesen und habe auch Verantwortungsbewusstsein bewiesen. Über ihren Berufswunsch Lehrerin schreibt sie: „Einmal ist es der Wunsch, mit dem und am lebendigen Menschen zu arbeiten, zum anderen, reines Wissen zu erwerben, selbst zu lernen und dann das Erworbene anderen weiterzugeben, zu lehren.“ Die Vorzüge der amerikanischen Bildungssystems sah Ensslin in einer größeren Freiheit bei der Auswahl des Stoffes und vor allem bei der Einübung des kommunikativen Lebens. Wie also konnte aus einer begabten, intelligenten Studentin eine Terroristin werden? Mehr dazu in „Poesie und Gewalt“ von Ingeborg Gleichauf, einer besonderen Biografie, in der die Autorin analysiert, was Ensslin gelesen und über die Lektüre geschrieben hatte.

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