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Mark Twain
Reportagen aus dem Reichsrat
1898/1899

Residenz
2017
Übersetzt von Jacqueline Csuss und Werner Richter
176 Seiten
ISBN-13: 978-3701734276
€ 25,-


Von Alemanno Partenopeo am 15.11.2017

  Mark Twain war 1897 schon berühmter amerikanischer Schriftsteller, der sich auf Europareise befand und das ganze neun Jahre lang. Zwischen 1897 und 1899 weilte er in Wien und verbrachte einige Zeit davon im Reichsrat. Das Wort „Reich“ in Reichstag bezieht sich natürlich auf die Österreichisch-Ungarische Monarchie, in der immerhin mehr als 50 Millionen Menschen lebten und die im Zentrum Europas lag und gerne mit der heutigen EU verglichen wird, da auch diese mit Nationen, Nationalitäten und verschiedenen kleineren Ethnien zu kämpfen hat. Aber die vorliegende Publikation des Residenzverlages beinhaltet noch viel mehr, nämlich auch eine Reihe von Artikeln zum Thema, die Mark Twains Aussagen erklären oder einen allgemeinen Kanon einbetten. Außerdem ist dem Buch eine CD mit einer Lesung Hermann Beils von Mark Twains Reportagen aus dem Reichsrat beigelegt.
 Österreich: Rummelplatz Europas
 
  1897 gab es in der Monarchie noch ein Wahlrecht, das vor allem Großgrundbesitzer begünstigte. Das allgemeine, gleiche und freie Wahlrecht kam erst nach dem Ersten Weltkrieg 1918 für Frauen und Männer, für Männer aber immerhin schon 1907. Doris Bures, Präsidentin des österreichischen Nationalrats schreibt im Vorwort mahnend, das die Texte Twains zeigen, „wie engstirniger und egoistischer Nationalismus jede gedeihliche Zusammenarbeit und damit letztlich auch jedes friedliche Zusammenleben unmöglich macht“. Geschichte wiederhole sich nicht, wie sie Twain zitiert, aber manchmal reime sie sich. Und fürwahr hat sich Mark Twain durchaus einen Reim auf die österreichische Politik der Jahrhundertwende machen können, wie seine Texte in diesem Band veranschaulichen. Mark Twain zitiert einen gewissen Herrn Morgan, der Österreich einen „Rummelplatz Europas“ und „Flickenteppich“ nennt. Ein Staat sei das, der keine Nation sei, sondern eine ganze Ansammlung von Nationen, manche mit und andere ohne eigene Nationalgeschichte und Nationalstolz. „Nur ein einziges Volk macht derzeit ein Viertel des Ganzen aus und kein anderes auch nur so viel wie ein Sechstel“, ein geflügeltes Wort, das man sich merken sollte.
 
 „Eine denkwürdige Sitzung“ und mehr
 
  In einem waren sich jedenfalls alle Gesprächspartner Mark Twains in Wien oder Österreich einig: dass es nie zu einer Revolution kommen würde, denn dann hätten sich die einzelnen Teile ja verbünden müssen und das wäre für keinen der Teile in Frage gekommen. Mark Twain wird Zeuge der Badenischen Reformen und der sog. Obstruktionspolitik der Tschechen im Reichsrat, sowie einer Debatte über die Erneuerung des österreichisch-ungarischen Ausgleichs, „eine denkwürdige Sitzung“. Weitere Beiträge zum historischen Kontext stammen u.a. von Elisabeth Dietrich-Schulz, Heramnn Beil, Andreas Pittler, Gabriele Melischek, Josef Seethaler und Christoph Konrath sowie Matthias Falter und Saskia Stachowitsch. Im Anhang finden sich biographische Daten zu Mark Twain und Reportagen der erwähnten Politiker und eine Vorstellung der AutorInnen der Begleittexte. Dazwischen immer wieder interessante Fotos und Zeitdokumente. Text hauptsächlich in Deutsch, die Beiträge von Mark Twain auch im Original und von Hermann Beil auf zwei beigelegten CDs gelesen. Eine durchwegs bibliophile Ausgabe also.

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