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Pier Paolo Pasolini
Petrolio

Wagenbach
2015
Übersetzt von Moshe Kahn
720 Seiten
ISBN-13: 978-3803127426
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 15.11.2017

  Der letzte Roman von Pasolini, der nicht nur unfertig geblieben ist, sondern ohnehin auch als „Metaroman in Form der kritischen Ausgabe eines unveröffentlichten Textes“ geplant war, wurde auf Wunsch der Erben erst 17 Jahre nach seiner Ermordung 1975 in Italien bei Giulio Einaudi editore, Turin, 1992 erstveröffentlicht. „Unfertig“ ist der Roman vor allem deswegen geblieben, weil Pasolini ermordet wurde. In Deutschland war es der Wagenbach Verlag, der schon 1994, 1997 und jetzt zuletzt 2015 für eine Veröffentlichung sorgte. Die vorliegende Übersetzung folgt der italienischen Originalausgabe so weit wie möglich, denn die vielen Anmerkungen Pasolinis im Manuskript machten das Unternehmen denkbar schwierig. Der „Roman“ besteht hauptsächlich aus Anmerkungen zum Rohmanuskript und diversen Einfällen. Natürlich ist er dadurch etwas sperrig zu lesen, aber gibt dennoch interessante Einblicke in das Leben und Schaffen Pasolinis.
 
  Als Pasolinis von seiner Nicht posthum veröffentlicht wurde, löste er einen wahren Skandal aus, da die Bilder der Macht, die darin heraufbeschworen werden aus dem Zentrum der Macht, dem Erdölkonzern ENI kommen. Die bitteren und satirischen Bilder, voller „Trauer über die Zerstörung einer vertrauten Welt, voll Wut über den heraufkommenden hedonistischen Konsumismus“ wird durch ausschweifende Szenen sexueller Orgien ergänzt, die ihre Provokationskraft und Modernität auch nach 40 Jahren noch nicht verloren haben. Im Roman befinden wir uns im Rom der ausgehenden Fünfziger Jahre. Die Gewohnheiten der eigenen Familie machten „die gesamte übrige Welt zu etwas Außenseiterischen“. „In den Schatten, die in der erdrückenden Hitze länger wurden, lag der tragische Hinweis auf eine Erneuerung der Zeit in ihrer uralten Wiederholung.“ Aber es sind Sätze wie diese, die einen mit Pasolini wieder versöhnen und eins werden lassen: „Er saß da und betrachtete die Nacht mit einem glücklichen Lächeln, das, wenn man allein ist – und die einzige Scham ist ja die, die man sich selbst gegenüber empfindet – zu etwas undefinierbar Irrsinnigen wird: trotz aller Theatralität war dies der höchste und schönste Augenblick in seinem ausschließlich auf Sex ausgerichteten Leben, völlig losgelöst von jeglicher anderen Form menschlichen Interesses.“
 
  „Nicht einmal die Abwesenheit von Leben reichte aus, die Stigmata der Geburt auszulöschen: im Gegenteil, es machte sie noch brutaler sichtbar“, schreibt Pasolini seinem Ingenieur Carlo auf die Fersen. Zur Charakterisierung eines Landstreichers verwendet Pasolini die passenden Worte: „Was ihn beschützt, ist, dass er nichts besitzt und zu nichts gehört.“ Die in folgendem Zitat angebrachten eckigen Klammern zeigen beispielhaft die Schwierigkeit der Übersetzung und es befinden sich darin wahrscheinliche Ergänzungen, die aufgrund der Handschrift vermutet werden: „Hinter der Unordnung und Armseligkeit verbarg sich eine Gewalttätigkeit nackten Lebens, die sich nur durch Gemüsegärten voll dicker Hülsenfrüchte und roter ?Flecken? einer ?besonderen fast? auf plumpe Weise geradezu exotischen Salbeiart verströmen konnte.“ Nichtsdestotrotz – wenn auch kein wirklicher Originalsatz – doch ein wunderschönes Bild für die Charakterisierung eines besonderen Gefühls, das einem Unordnung und Armseligkeit oft verleiht, wenn man gerade genau nicht darauf vorbereitet ist.
 
  Im Anhang des Buches finden sich Anmerkungen und der Essay „Philologische Anmerkung“ zur italienischen Ausgabe von Aurelio Roncaglia. Pier Paolo Pasolini, 1922 in Bologna geboren, war Schriftsteller, Filmregisseur, Journalist und Kritiker und lebte in Casarsa (Friaul), wo er wegen „obszöner Handlungen in der Öffentlichkeit“ seine Stelle als Lehrer verlor und deswegen 1950 in die Hauptstadt zog. Mit dem Roman „Ragazzi di Vita“ (1955) wurde er bekannt und bei Wagenbach ist auch eine Biographie über ihn erschienen.

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