Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Felicia Yap
Memory Game
Erinnern ist tödlich
(Yesterday)

Penhaligon
2017
Übersetzt von Bettina Spangler
448 Seiten
ISBN-13: 978-3764531829
€ 14,99


Von Alfred Ohswald am 18.10.2017

  Eine Frau wird tot aufgefunden, die Polizei ist nicht sicher, ob Mord oder Selbstmord vorliegt. Der zuständige Beamte ermittelt auf jeden Fall und stößt relativ schnell auf einen berühmten Schriftsteller, der offensichtlich ein Verhältnis mir dem Opfer hatte.
  Soweit würde es sich um einen recht durchschnittlichen Krimi handeln. Doch Felicia Yap siedelt diese Krimihandlung in einer recht ungewöhnlichen Welt an. Die Menschen verlieren ab einem gewissen Alter ihr Langzeitgedächtnis. Die Mehrheit, „Monos“ genannt, können sich ab 18 Jahren nur mehr an den gestrigen Tag erinnern, die privilegierten „Duos“ können sich dagegen ab dem 23. Lebensjahr zwei Tage zurück erinnern. In weiten Teilen der Gesellschaft werden Duos daher als intellektuell überlegen betrachtet. Beide Gesellschaftsgruppen verwenden – meist elektronische - Tagebücher, um ihre über ihre Beschränkung hinausreichende Erinnerungen zur Verfügung zu haben.
 
  Yap erzählt den Thriller, einer mörderischen Eifersuchtsgeschichte, streng abwechselnd aus dem Blickwinkel von vier Protagonisten. Da ist der Duo-Schriftsteller mit seiner Mono-Frau, dann der ermittelnde Polizist, der vorgibt ein Duo zu sein, aber in Wirklichkeit „nur“ ein Mono ist. Und schließlich das eifersüchtige und rachsüchtige Mordopfer, das über ein vollständiges Gedächtnis verfügt und deshalb für geistig abnorm gehalten wird. Ihre Erzähl-Abschnitte spielen natürlich in der Vergangenheit und dienen geschickterweise neben den häufig zitierten Tagebuch-Eintragungen zum Beschreiben der Vorgeschichte.
  Die Sache mit den Monos und Duos dient der Autorin natürlich als praktische Metapher für Rassismus und andere gesellschaftliche Unterschiede, wie etwa zwischen Adeligen und Nicht-Adeligen. Dabei erzählt sie die Thriller-Geschichte so geschickt, dass sie durchaus auch ohne diesen Kunstkniff auskommen könnte. Aber hier ist er für deren Funktionieren unumgänglich. Und obwohl der Hintergrund eindeutig an Science Fiction erinnert, ist die Erzählweise die eines Thrillers.
  Yap lässt die Leser lange im Unklaren, erst etwa zur Mitte (Seite 253) löst sie einen Teil des Rätsels. Obwohl es wohl eher als Thriller einzuordnen ist, ist das Erzähltempo mehr das eines Krimis. Die ausgesprochen komplex konstruierte Geschichte mit ihren gegen das Ende zunehmend häufigeren Wendungen ist aber für beide, sich ohnehin häufig überschneidenden Genres typisch.
  Und obwohl sonst keinerlei Humor in dem Buch zu finden ist, entschädigt der Satz auf Seite 425 etwas dafür: „Schon damals hatte Aggie genügend Botox im Gesicht, um bei einem Kugelfisch einen Herzinfarkt auszulösen“.
  Und warum der Originaltitel „Yesterday“ mit „Memory Game“ übersetzt wurde, liegt vermutlich daran, dass ein Buch mit diesem Titel bereits existiert.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.