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Paolo Cognetti
Acht Berge
(Le otto montagne)

DVA
2017
Übersetzt von Christiane Burkhardt
256 Seiten
ISBN-13: 978-3421047786
€ 20,-


Von Hans Durrer am 11.09.2017

  Als Kind ging Pietro mit Vater und Mutter zu Berge. Beide gingen anders, ihrem Charakter und ihren Neigungen entsprechend – der Vater, ein einzelgängerischer, sturer Kämpfer, die Mutter, die die Weiden, Wildbäche und Wälder unter zweitausend Metern den grossen Höhen vorzog, umgänglich und auf ihre Art beharrlich
 
  Pietro, der eine einsame Kindheit gehabt hatte und seinem Vater ähnlich ist, entdeckt durch Bruno die Natur. Detailliert und wunderbar anschaulich – ich hatte das Gefühl vor Ort mit dabei zu sein – schildert Paolo Cognetti Täler und Flüsse, Wasserfälle, Bachbecken und Forellen. „Langsam dämmerte mir etwas, nämlich dass für einen Fisch alles vom Berg kommt: Insekten, Zweige, Blätter, einfach alles.“
 
  „Acht Berge“ ist, was die Hauptpersonen angeht, genauso die Geschichte der Freundschaft von Pietro, dem Dokumentarfilmer, und Bruno, dem Bergbauer, wie auch die von Pietros Verhältnis zu seinen Eltern, von denen er als Bub geglaubt hat, sie hätten keine Geheimnisse voreinander, nur um dann später herauszufinden, dass er sich darin (wie auch in vielem anderen) getäuscht hatte. Wunderbar differenziert und einfühlsam macht der Autor nachvollziehbar, wie vielschichtig und letztlich unergründlich (vor allem für uns selber) wir Menschen durchs Leben gehen.
 
  Besonders eindringlich ist die Schilderung von Pietros Vater gelungen, einem in seiner Natur gefangenen Mann. „ ... er konnte einfach nicht anders, fühlte sich immer gehetzt. Ihn zu beruhigen war genauso unmöglich, wie ihn beim Bergsteigen dazu zu bringen, es „langsamer“ angehen zu lassen, die frische Luft zu geniessen und mit niemandem zu wetteifern.“
 
  Als der Vater stirbt, hinterlässt er dem Sohn ein Grundstück, hoch oben am Berg. „Das war also mein Erbe: eine Felswand, Schnee, ein Haufen quaderförmiger Steine und eine Kiefer.“ Unter Brunos Anleitung, bauen die beiden ein Haus. „Aus mir unerfindlichen Gründen hatte mein Vater mich hier haben wollen, auf dieser lawinengeplagten Hochebene, am Fuss dieses seltsamen Felsens, damit ich mit diesem Mann eine Ruine restaurierte. Also sagte ich mir: Okay Papa, du hast also ein neues Rätsel für mich? Mal gucken, was du dir ausgesucht hast. Mal gucken, was ich diesmal dabei lerne.“ Viel schöner kann man konstruktive Schicksalergebenheit kaum ausdrücken.
 
  Wir sind der Natur, sowohl der eigenen wie auch der uns umgebenden, in einem Masse ausgeliefert, das unser das Ego zelebrierende Zeitalter uns fast nur bei Naturkatastrophen zu sehen erlaubt. Als eine Lawine des Vaters Freund unter sich begräbt, versucht dieser mittels Personalisierung seiner Gefühle Herr zu werden. „In den Monaten danach beschrieb sie mein Vater als Ungeheuer, das im Schlaf gestört worden war, einmal laut gefaucht und sich auf den Störenfried geworfen hatte, um es sich wieder gemütlich zu machen und zu schlafen.“ Trocken und realistisch kommentiert der Autor: „Für den Berg war nicht das Geringste vorgefallen.“
 
  Ganz besonders haben es mir die Beobachtungen und Bemerkungen zur Natur angetan. „... der Gletscher ist der Schnee vergangener Winter, die Erinnerung an einen Winter, der einfach nicht vergehen will.“ „Nur ihr Städter redet von Natur: Für euch ist sie dermassen abstrakt, dass sogar der Name abstrakt ist. Wir sagen „Wald, Weide, Bach, Fels“ – alles Dinge, die man anfassen und nutzen kann. Was nutzlos ist, bekommt erst gar keinen Namen, weil es nichts bringt.“ „Sie verabschiedete sich durchs Wagenfenster von mir und nahm mit Maultier und Hund wieder den Weg in die Berge. Gemeinsam verschwanden sie im Wald, oder – besser gesagt – der Wald nahm seine Kreaturen wieder auf.“ Sätze wie diese helfen mir die Welt neu zu sehen, solcher Sätze wegen lese ich Bücher.
 
  Ich fühlte mich immer wieder an Thoreaus Walden aus dem Jahre 1854 erinnert, der auch darauf hingewiesen hat, dass die Natur uns zwingt, die Welt (die ebenso schön wie unwirtlich, genauso erhaben wie unerbittlich ist) nüchtern zu betrachten, denn der genaue Blick auf die Realität befreit von Illusionen.
 
  „Acht Berge“ ist eine aussergewöhnlich hilfreiche Schule der Wahrnehmung, und darüber hinaus eine überzeugende Anregung, selber die Berge zu erkunden. Ein grossartiges und wichtiges Buch!

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