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Emmanuel Bove
Geschichte eines Wahnsinnigen

Edition diá Bln
2016
Übersetzt von Martin Zingg
156 Seiten
ISBN-13: 978-3860344132
€ 18,-


Von Volker Frick am 08.09.2017

  Im vergangenen Jahr erschien in Deutschland eine 21-bändige Werkausgabe des französischen Schriftstellers Emmanuel Bove, ergänzt durch die von Raymond Cousse und Jean-Luc Bitton verfasste Bove-Biografie. Dies sorgte für keinerlei Aufsehen.
 
  Emmanuel Bove (1898-1945) ist als Literat, gar als Klassiker der Moderne, in Deutschland gut gelitten. Nach seinem Tod im Jahr des Endes des Zweiten Weltkrieges geriet er in Vergessenheit, trotz seiner mehr als 20 außerordentlich erfolgreichen Romane und weit mehr publizierten Erzählungen, die er überwiegend in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts schrieb. Zu jener Zeit erschienen Übersetzungen von Boves Werken in England, Spanien und in Finnland. Eine Renaissance seines Werkes in Frankreich setzte zu Beginn der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch die Wiederveröffentlichung der Erzählungen Le Crime d'une nuit in einer limitierten Auflage mit 5 Lithographien von Bram van Velde, Freund Becketts, und L'Histoire d'un fou, in einer ebenfalls limitierten und von Roland Topor mit 5 Holzschnitten illustrierten Ausgabe, ein. Beide sind der 1928 im Original in Paris erschienen Ausgabe von Erzählungen mit dem Titel Henri Duchemin et ses ombres entnommen, die nun unter dem Titel „Geschichte eines Wahnsinnigen“, erstmals vollständig übersetzt, erschienen ist.
 
  In Deutschland wurde sein Œuvre qua Übersetzung durch Peter Handke mit der Veröffentlichung der Romane Meine Freunde (Mes amis, Paris 1924) 1981, Armand (Armand, Paris 1925) 1982, und Bécon-les-Bruyères (Bécon-les-Bruyères, Paris 1927), 1984 im Suhrkamp Verlag dem literarisch disponierten Publikum nahegelegt. 1983 erschien im Verlag Köln 78, der zwischen 1978 (Joachim von Mengershausen, Den Atem anhalten) und 1984 (Edgar Reitz, Liebe zum Kino) lediglich sechs Bücher publizierte, von Bove die Erzählung Flucht, aus dem Französischen von Martin Hennig. In Folge erschienen viele weitere Bücher von Bove in Deutschland, vermittels allerlei Übersetzerinnen und Übersetzer in einer Vielzahl von Verlagen. So erschienen im Manholt Verlag (1985 – 2004) 76 Bücher illustrer Autoren wie Georges Perec, Joris-Karl Huysmans, Ludovic Janvier oder Alphonse Daudet, aber eben auch 5 Bücher von Emmanuel Bove, ins Deutsche gehoben von vier ÜbersetzerInnen, alles wundersame Titel: Der Stiefsohn, Ein Vater und seine Tochter, Ein Außenseiter, Ein Junggeselle und last but not least Menschen und Masken.
 
  Nun sind die sieben Erzählungen des Bandes Henri Duchemin et ses ombres in Übersetzung von Martin Zingg unter dem Titel Geschichte eines Wahnsinnigen als deutsche Erstausgabe erschienen. Doch werden vier der sieben Erzählungen am Ende des Buches als bereits zuvor in deutscher Übersetzung erschienen nachgewiesen: Geschichte eines Wahnsinnigen (L'Histoire d'un fou): Schreibheft 23 (1984), Ein anderer Freund (Un autre ami): Schreibheft 26 (1985) und Ist es eine Lüge? (Est-ce un mensonge?): bateria 11 (1991), jeweils von Martin Zingg übertragen, desweiteren Was ich gesehen habe (Ce que j'ai vu) in der Übersetzung von Daniel Dubbe in Krachkultur 9 (2001).
 
  Die mangelnde Wahrnehmung der von der Edition diá (Berlin) zu verantwortenden Werkausgabe ist wohl schlicht dem Faktum geschuldet, dass diese lediglich elektronisch zu erwerben ist. Bis auf eben diesen Band von Erzählungen. Allerdings … erschien die titelgebende Geschichte eines Wahnsinnigen (L'Histoire d'un fou) in Übersetzung nicht erstmals im Schreibheft 23 (1984), sondern, übersetzt von Gina und Hermann Kesten unter dem Titel Geschichte eines Verrückten, bereits 1930 in dem Buch Neue Französische Erzähler, herausgegeben von Hermann Kesten und Félix Bertaux, dessen Vorwort zu dieser Anthologie, mit Beiträgen von u.a. Gide, Soupault und Michaux, Walter Benjamin übersetzte, wie auch die Erzählung Fräulein Zeline von Jouhandeau.
 
  Vor einem Vierteljahrhundert schrieb ich: Seine Helden sind Anti-Helden, mittelmässig und einsam. Sie scheitern in allen Lebenslagen. Ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Freunde bleibt nur ein tränenverzerrter Blick auf die Dinge. Ein schweifender Blick über die Ränder des Bedeutsamen. Rainer Maria Rilke, der Bove zu Beginn des Jahres 1925 traf, schrieb in einem Brief an M. Betz: „Bestellen Sie, bitte, meine Empfehlungen an Emmanuel Bove; ich trachte immer, ihm zu folgen...“ Das Buch Dinah (La Mort de Dinah, Paris 1928), dtsch. 1992, war nun nicht das erste Buch von Emmanuel Bove, welches ich seinerzeit gelesen hatte, aber es war das erste Buch, zu dem ich mich öffentlich äusserte [Jazzthetik 1993(6), S. 45-6 , auch hier auf Buchkritik.at].
 
  „Der Biograph kaschiert systematisch das, was er nicht weiß, und organisiert das, was er sagt, im Hinblick auf diese Unkenntnis.“ So Raymond Cousse, der auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vor seiner Beteiligung an eingangs erwähnter Bove-Biografie mit einem Buch recht sonderbaren Titels - Meine Zwei-Schinken-Strategie. Betrachtungen eines Schweins, von Samuel Beckett empfohlen (Reinbek bei Hamburg 1980) - erschien. Am 22. Dezember 1991 suizidierte sich Raymond Cousse. Zwei Jahre zuvor, am 22. Dezember 1989, starb Samuel Beckett in Paris. Ich schlug die Hände vor's Gesicht. Meine Aufmerksamkeit war wie jene der Kinder: sie richtete sich auf alles, was sich bewegte.
 
  Der schwache Held oder die Existenz im Fadenkreuz. Über Emmanuel Bove wurde geschrieben, so beispielsweise jeweils im Merkur, 1984 Walter van Rossum: Die Tragik des Mittelmäßigen, 1995 Stefanie Holzer: Helden der Untätigkeit. „Wenn ich aufwache, steht mir der Mund offen. Meine Zähne sind belegt: es wäre besser, sie am Abend zu putzen, aber das bringe ich nie über mich.“ So der Beginn von Meine Freunde (Mes amis). In gnadenloser Verblendung treibt den Bove'schen Helden die Scham um.
 
  Und so gebricht es bereits der Eingangsgeschichte des vorliegenden Bandes, der Geschichte Das Verbrechen einer Nacht (Le Crime d'une nuit), nach deren Lektüre Colette damals einen Roman für die von ihr betreute Sammlung im Verlag Ferenczi von Bove erbat (und ihn erhielt: Mes amis), nicht an einer unterernährten Halluzinatorik des Protagonisten. Bove hatte für diese von ihm in einem Interview 1928 als Novelle bezeichnete Geschichte eigentlich den Titel La Nuit de Noël geplant, und tatsächlich ist der erste Satz: „Es war am Abend vor Weihnachten.“ Einer der letzten Sätze: „Es war der Weihnachtstag.“ Und was Emmanuel Bove in der Zwischenzeit erzählt ist unterfüttert von der einsamen Orientierungslosigkeit seines Protagonisten in der Öde der Allnacht, amalgamiert von einer unterschwelligen Angst. Emmanuel Bove wartet bei all seinen Protagonisten ab „bis sie geängstigt sind, um dann ihr Elend zu teilen: er ist ständig verfügbar und betritt erst nach ihnen das Universum, das er ihnen öffnet“. So, recht treffend, Louis Martin-Chauffier, ebenfalls Ende der Zwanziger in der Nouvelle Revue Française.
 
  Der Protagonist dieser Nacht, die keiner kennt, nimmt dann in der Morgendämmerung ein „kleines Abendessen“ zu sich. Sag ich mal so, spätestens mit dem Frühstück (petit déjeuner) verabschiede ich den Übersetzer. Nichts desto trotz empfehle ich dieses Buch nachhaltig, ist in diesen Geschichten doch alles enthalten was Emmanuel Bove als grandiosen Erzähler auszeichnet.
 
  Die elektronische Werkausgabe hat, bis auf die vier im Suhrkamp Verlag erschienen Werke, für alle Bände jenes Umschlagmotiv aufgenommen, welches die 1932 in der Sammlung „Le Livre de demain“ (113) wieder veröffentlichte Ausgabe von Mes amis, avec 49 bois originaux de Paul Baudier, erschienen im Verlag Arthème Fayard & Cie, zierte. Das gefällt.

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