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Ismail Kadare
Die Verbannte

S. Fischer
2017
Übersetzt von Ismail Kadare
208 Seiten
ISBN-13: 978-3100384164
€ 20,-


Von Hans Durrer am 30.08.2017

  Es liegt einige Jahre zurück, dass ich Ismail Kadares „Konzert am Ende des Winters“ gelesen habe. Geblieben ist mir nur, dass mich die differenzierte Geschichte begeisterte. Ich nehme sie aus dem Regal, blättere darin und stosse unter anderem auf diese Stelle, die ich mir angestrichen habe.
 
  „Früh hatte er begriffen, dass es für einen Staatsführer am günstigsten ist, wenn die anderen seine Handlungen nicht verstehen und er selbst auch nicht. Es gab eine Unmenge von Erklärungsversuchen. Stets würden Leute in rätselhaftem Verhalten irgendeinen Sinn entdecken, und stets würden andere die entgegengesetzte Auffassung vertreten. Noch andere würden dann kommen, die beide Meinungen für korrekturbedürftig hielten, und schliesslich solche, die gegen alles waren, und so fort. Die Tat selbst würde jedoch im Schutz des Nebels der Unklarheit fortleben, wohingegen Hunderte klarer, logischer und nützlicher Handlungen in völlige Vergessenheit gerieten.“
 
  Aktueller geht es kaum, obwohl dieser grosse albanische Familien- und Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund der Wende von 1991, der Abkehr vom Kommunismus, geschrieben wurde. Anders gesagt: Geschichte wiederholt sich, denn wir Menschen sind nicht besonders einfallsreich.
 
  Derart eingestimmt nehme ich „Die Verbannte“ zur Hand, ein Roman, den Ismail Kadare den albanischen Mädchen gewidmet hat, „die in der Verbannung auf die Welt kamen, aufwuchsen und zu Frauen wurden.“
 
  Tirana, Albanien, Anfang der 80er-Jahre. Eine Welt aus Überwachung und Kontrolle, es herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung und der Angst. Gegen Angehörige „feindlicher Klassen“, ja, eigentlich gegen alle, die andere Überzeugungen vertreten als die rigide Doktrin des sozialistischen Realismus, gehen die Kommunisten gnadenlos vor.
 
  „Für die kleinste kritische Bemerkung über Stalin, das Religionsverbot oder das Politbüro gingen ein Offizier der Streitkräfte und ein treues Parteimitglied ins Gefängnis, wenn sie nicht sogar erschossen wurden.“
 
  Der erfolgreiche Dramatiker Rudian Stefa wird anlässlich der Premierenfeier seines neuesten Stücks von einer jungen Frau namens Migena um eine Widmung für ihre Freundin Linda B. gebeten, die leider nicht kommen könne. Kurz darauf wird er vor die Ermittlungskommisssion geladen. Warum, das weiss er zu diesem Zeitpunkt nicht.
 
  Meisterhaft, wie Ismail Kadare des Dramatikers Ungewissheit und Unsicherheit schildert. Dass die Ermittler kaum etwas zur Aufklärung beitragen, hat System, Niemand soll sich in Sicherheit wiegen können, Angst ist ein hervorragendes Kontrollinstrument. Selten habe ich das eindrücklicher vermittelt bekommen.
 
  Von Migena erfährt der Dramatiker, dass Linda B., ihres royalistischen Herkommens wegen aufs Land verbannt, ihn verehrt habe, ja, in ihn verliebt gewesen sei. Und dass sie sich nach Tirana gesehnt habe. „Er wollte einwerfen, dass die Sehnsucht nach einer Stadt einen am meisten quälte, wenn sie hoffnungslos war, siehe Dante und Florenz, aber er fürchtete, sie damit aus dem Konzept zu bringen.“
 
  Der Dramatiker Rudian Stefa ist ein Ausgelieferter, ist abhängig von Migena, dem Staat, dem Schriftstellerverband sowie dem künstlerischen Beirat, der sein neues Stück auf Eis gelegt hat. Doch so recht eigentlich ist er (der Mensch) viel umfassender ausgeliefert. „Er war unschuldig schuldig, aber auch der Staat trug Schuld, und auch das Schicksal spielte eine Rolle, das gute und das böse, noch ungeschieden ...“.
 
  So ganz nebenbei zeigt der Autor auch, wie destruktive Wünsche, wenn sie nicht in Erfüllung gehen, nicht notwendigerweise zu einem glücklichen Ende führen. Ein rätselhafter Satz? Die Auflösung dazu findet sich in diesem sehr empfehlenswerten Buch.
 
  Ismail Kadare ist ein grossartiger, ein wesentlicher Autor.

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