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Dennis Cooper
Trug

Passagen Verlag
1996
190 Seiten
DM 35,-


Von Volker Frick am 01.11.2000

  Außerdem werden sie der Obhut von Schurken anvertraut, die sie in den Arsch ficken, schrieb Gustave Flaubert an Ernest Chevalier am 9. April 1842. Dennis Cooper, Jahrgang 53, bezeichnet sich selbst als Anarchist, influenced by the film-maker Robert Bresson, und ist bisher mit Romanen, ein paar Gedichten, Kurzgeschichten und Theaterstücken an die literarisch interessierte Öffentlichkeit getreten. Darüber hinaus schrieb er als Kunstkritiker u.a. für Art Forum. 1994 mit Sprung, einem Roman, der die Spektren des latenten Sexualverbrechens multiple ausleuchtet, erforscht und bricht, einem schnittigen Elaborat des Perspektivenfadings als taktischem Moment, im folgenden Jahr mit Ran und einem Jahr später mit der Story-Kompilation Trug hat der Passagen Verlag diesen in L.A. lebenden Autor in die deutsche Bleiwüste gehoben. Des weiteren Beiträge von Dennis Cooper in den Büchern John Miller: Rock Sucks Disco Sucks und David Salle: Paintings. Kunst ist Arbeit, und Arbeit ist ein bewusster Akt. Kunst ist ein bewusster Akt, er erfordert die Erschließung des Unbewussten und die Disziplin des Geistes. Erschaffen und gleichermaßen eine Distanz schaffen. Das ist es, was den Künstler ausmacht.
  Kraft und Originalität seines Schreibens ist erhaben über jegliche Zweifel. Wenn er “in der Nachfolge Célines oder Genets gefeiert” wird, nun, de Sade war für das ausgehende Achtzehnte jene philosophische Ästhetik, die Dennis Cooper am Ende des Zwanzigsten unter geschärften gesellschaftlichen Repressionen erneut dem verschärften Blick unterwirft. Fuck everything else. Tatsachenbeschreibungen. Klar gezeichnet: Sex, Gewalt. Leicht irritierende Einblicke in die männliche homosexuelle Subkultur, umhaucht von der Verzweiflung, das AIDS den Tod ruinierte, wo er (nur) die romantische Sichtweise auf den Tod (und die Liebe) transformiert hat. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen. Er wartet. Er will das Gefühl auskosten, Augenzeuge der Destruktion zu sein, in der sein Schöpfungsakt in höchster Vollendung gipfelt. Seine Erwartung kennt keine Grenzen. Es gibt nichts, was er jemals bereuen würde. Zehn Geschichten – nimmt man den Epilog, der David Salle gewidmet ist, dazu – aus den Jahren 1980 (Eine Schar) bis 1990 (Container). In der ersten Geschichte finden wir schon nach vier Seiten diesen Satz: Der Mann draußen legte sich eine Ästhetik zurecht, passend zur Situation, und machte aus den Einschränkungen Belohnungen. Religiös intravenös, aber der Mann draußen kniet im nassen Laub des nachts vor’m Fenster und holt sich parallel zu dem Jungen, der ihn nicht sieht, einen runter, denn Papi spritzt in der Nacht eh nicht mehr die Auffahrt ab. Väter, Männer und die Kids. Aufbegehrend gegen die Stigmatisierung des individuellen Erlebens, ja, auch. Die Titelgeschichte Trug beginnt: Wenn Mike ein hübsches Gesicht sah, wollte er es übel zurichten oder ihm Drogen einflössen, bis es von selbst verschliss. In der Reihenfolge des Abgangs sind das Keith, José, Steve und Will. Dann bringt sich Mike um. George schießt ein Foto von der Leiche, schreibt Postkarten, verkehrt mit Dan. Dann ist da Fred, der George tötet. Hypnotische Literatur, aus welcher der Zuschauer nicht entfliehen kann. Eine Rekonstruktion der ungewohnten Art, ein formal als Destruktion gebauter Sog purer Literatur. Er entdeckt Bilder wieder, die er nie zuvor gesehen hat. Die Amalgamierung von Gewalt, Sex, Männer und die Vivisektion der visuellen Infizierung einer untoten Lektüre. Amerika, Sound und Bilder, eine Leinwand, auf der kurz aufflackert das Wort als subkutane Droge. Sex’n’drugs’n’punk. Kunst, Punkt. In der Geschichte mit dem Titel Am Anfang steht dann mitten im Fliesstext in Anführungszeichen Ein Feuer unbekannter Herkunft. Ein Songtitel der Rock’n’Roll-Rebellin Patti Smith. Es folgt Schuss auf Schuss. Der erste Schnappschuss war Magie, ein gestohlener Augenblick. Frischer Schmerz. Mit jedem Schuss der Fotoserie wächst er zu einer Lawine voll Tod und Trauer. Die Hand seines Vaters rutscht ab und öffnet sich. Hier ist ein neues großes Werk. Ein Meister, der Villon über den Lockenkopf pinkelt. Hier werden Bereiche erschlossen, in die sich sonst noch niemand in dieser Rücksichtslosigkeit vorgewagt hat.

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