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Annemarie Schwarzenbach
An den äussersten Flüssen des Paradieses
Herausgegeben von Roger Perret

Lenos Verlag
2016
416 Seiten
ISBN-13: 978-3857874703
€ 24,90


Von Hans Durrer am 13.08.2017

  Diese zum Teil unveröffentlichten Textausschnitte, erfahre ich aus dem Klappentext, entstanden zwischen 1933 und 1942, während Annemarie Schwarzenbachs Fahrten durch Europa, nach Asien, Afrika und in die USA. Herausgeber Roger Perret erläutert: „In dieser Textcollage können die verschiedenen Fahrten als ein Vorhaben, als eigentliche Lebensreise Annemarie Schwarzenbachs erfahren werden.“
 
  Textcollage trifft es gut, Lebensreise ebenso. Sinnigerweise beginnt das Ganze mit einem Kapitel über die Schweiz, dem dieser ganz wundervolle Satz vorangestellt ist: „Why do we leave this loveliest country in the world?“ Weil damals (1933-1935) zum Beispiel Syrien ein überaus anziehendes Land war. „Syrien stellt sich dem Reisenden vor als ein fruchtbares Küstenland, der Côte d'Azur manchmal verblüffend ähnlich, mit graublauen Olivenbäumen und gelben Felsen, Farbtöne Cézannes, den schönen Abhängen des Libanon, auf seinem höchsten Kamm noch schneegekrönt, und einer belebten, erstrangigen Asphaltstrasse, die dem blauen Meer entlang Fischerdörfer und Kreuzritterstädte miteinander verbindet. Aber, dieses Syrien ist das des ersten Aspekts, vorbehalten den Leuten, die auf Luxusdampfern zur Osterzeit eine Mittelmeerfahrt unternehmen.“ Im weiten Inneren des Landes sieht es jedoch anders aus, das regiert die „Atmosphäre der Wüste, der grossen, unter einer blendenden Sonne liegenden Landstriche ...“.
 
  Schwarzenbachs Schilderungen von Iran (über Teheran notiert sie unter anderem: „Wie in Innsbruck sehen die schneebedeckten Berge überall in die breiten Strassen hinein.“) machen mich nicht nur neugierig auf dieses mir unbekannte Land, sondern sehnsüchtig. Und über die Schiiten lese ich, sie seien „die Feinde jedes Fortschritts und hassen nicht nur die Europäer, sondern alles, was auf Veränderung und Bewegung hinweist, denn ihre Religion verlangt ja den ewigen Rückblick, die fruchtlose Anklage, den Zustand der Feindschaft und Verschliessung.“
 
  „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ ist sowohl Reisebericht als auch politische Aufklärung. Doch vor allem ist es reflektierende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. „... aber ich gestehe, dass ich geneigt war, angesichts der Wüste, die einmal der Boden der frühesten Kultur gewesen ist, an allen Realitäten der Vergangenheit wie der Zukunft zu zweifeln, denn wir glauben so recht von Herzen doch nur an den Augenblick, den es nicht gibt.“
 
  Es finden sich auch kurze Briefauszüge in diesem schön gestalteten, gut in der Hand liegenden Band, etwa an Klaus Mann, Carl Jacob Burckhardt oder Arnold Kübler. An letzteren mit der Ortszeile Sils-Baselgia (und natürlich taucht dabei vor meinem inneren Auge sofort die Oberengadiner Landschaft auf) zum Beispiel diese Zeilen: „Sie sprechen immer mit so etwas wie Neid von der Freiheit des Reisens, von Ihrem soliden Redaktionstisch aus [...] Muss ich Ihnen sagen, mit was, für gewisse Menschen, die Orient- und Abenteuer-Fahrten erkauft sind?“
 
  „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ ist nicht nur ein vielfältig anregendes, sondern einax auch immer wieder zum Schmunzeln einladendes Buch. „Noch eine Stunde bis Baku ... und als ich auf das Deck hinaustrete, sieht man schon eine grosse Bucht, und auf der linken Seite etwas, was ich zuerst für einen Pinienwald halte – und dann erkenne, dass es Öltürme sind, die dicht nebeneinander ein grosses, gelbes Feld bedecken.“
 
  Herausgeber Roger Perret legt mit diesen höchst ansprechenden Texten nicht einfach eine Auswahl, sondern so recht eigentlich eine sehr gelungene Komposition vor. Ergänzt wird sie durch einen hilfreichen Anhang, der auch Quellenhinweise sowie eine Biographie der Reisenden Annemarie Schwarzenbach umfasst.

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