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Benjamin Whitmer
Im Westen nichts
(Pike, 2010)

Polar Verlag
2017
Übersetzt von Len Wanner
300 Seiten
ISBN-13: 978-3945133491
€ 16,-


Von Hans Durrer am 13.08.2017

  Benjamin Whitmer ist der Autor von „Cry Father“ und „Pike“ lese ich im Klappentext und bin dann einigermassen erstaunt, dass da nicht erwähnt wird, dass es sich bei „Im Westen nichts“ (ein etwas eigenartiger Titel) um die deutsche Übersetzung von „Pike“ handelt und dass auch „Cry Father“ (unter dem Titel „Nach mir die Nacht“) im Polar Verlag erschienen ist.
 
  Anyway, „Im Westen nichts“ beginnt fulminant. Derrick Krieger, Polizist aus Cincinnati erschiesst unprovoziert einen Jungen und löst damit Rassenunruhen aus. Er wird vom Dienst suspendiert, doch das beeindruckt ihn nicht. Selbstherrlich wie dieser brutale Rassist ist, fühlt er sich nach wie vor im Amt, das er seinen eigenen Interessen gemäss interpretiert, und benimmt sich auch so.
 
  Die Geschichte spielt in einer Bergarbeitergegend in Ohio (Trumpland), bevölkert von rauen, gewaltbereiten Gesellen. Pikes Tochter ist an einer Überdosis gestorben, Pike soll sich nun um seine Enkelin Wendy kümmern. Wendy ist anfänglich ein aggressives Biest – nicht unbedingt ein Wunder bei einer drogensüchtigen Mutter, die als Hure anschaffte.
 
  Pike will herausfinden, was mit seiner Tochter, die er, als sie noch ein junge Ding war, im Stich gelassen hatte, genau geschehen ist. Dabei findet er unter anderem heraus, dass Derrick Krieger die kleine Wendy kennt, doch woher?
 
  Benjamin Whitmers Figuren sind allesamt vom Leben gebeutelt, illusionslos und keine Freunde vieler Worte. Man wundert sich gelegentlich, dass die sich überhaupt verstehen und meistens tun sie es auch gar nicht. Da wird schnell geschossen, rasch dreingeschlagen. Wirkliche Gründe für ihre Gewalttaten brauchen die Protagonisten nicht, sie sind gewalttätig, weil sie gewalttätig sind.
 
  Überzeugend ist des Autors Realitätssinn. Da werden nicht Ursachen intellektualisiert, da wird konstatiert, was der Fall ist. „Ich bin süchtig, Mann. Ich kann den Scheiss nicht lassen. Ich kann nur sein, was ich bin. Wenn ich was anderes sein könnte, wär ich's längst.“
 
  „Im Westen nichts“ schildert eine Macho-Welt, ist voller harter Typen und harter Sprüche. Mein liebster Spruch, der einem der Protagonisten in den Mund gelegt wird, stammt von Hemingway: “Tu nüchtern immer das, was du betrunken engekündigt hast. Das wird dich lehren, deinen verdammten Mund zu halten.“
 
  Auch ein paar wunderbar witzige Szenen finden sich in diesem sprachlich sehr rhythmischen Krimi, der zur Zeit von Ronald Reagan spielt. Als dieser einmal in den Abendnachrichten erscheint, folgt dieser Dialog:
  „F.D.R.“, sagt Rory geistesabwesend. (Hans Durrer: Für diejenigen, die es nicht wissen: das ist die gängige Abkürzung für Franklin Delano Roosevelt). „So hat mein Dad ihn immer genannt.“
  „F.D.R.? Das ergibt doch keinen Sinn.“
  „Fick dich Reagan.“
 
  „Im Westen nichts“ ist nichts für zarte Gemüter, brutale Gewalttätigkeit regiert diese gut gebaute Geschichte, die auch ein höchst aktuelles Zeitdokument ist. Obwohl auf Englisch bereits 2010 veröffentlicht, könnte Ohios gegenwärtige Heroinepidemie kaum eindrücklicher dargestellt werden.

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